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Verheerende Hochwasser in Marburg

eine Aufstellung der Wolkenbrüche und
Überschwemmungen vom Mittelalter bis heute

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    Die Häuser, Straßen und Gassen der Stadt Marburg waren bis Mitte des 19. Jahrhundert fast ausschließlich am Schlossberg angesiedelt. Nur Weidenhausen und die Ketzerbach mit dem Deutschordenshof lagen im Tal zwischen Schlossberg, Augustenruhe und den Lahnbergen.

    Als weitere Viertel wie Südviertel, Biegenviertel und Kliniksviertel angelegt wurden, waren auch diese bewohnten Bereiche ausgesetzt den Überschwemmungen, die seit dem Mittelalter das enge Tal überfluteten. Die Aufstellung von Karl-Heinz Gimbel, aus Angaben in vielen Büchern und alten Zeitungsberichten zusammengestellt, beginnt im 14. Jahrhundert.



    Hochwasser überflutet den Afföller (1920)

    1342, große Wasserflut

    1472, großes Hochwasser, welches die Grientpforte umgeworfen und die Brücke bei Cölbe zerstört hatte [Anm.: Grient = Grün]

    1475, 4. August, furchtbares Gewitter mit Hagel in der Marbach, "wie seit Menschengedenken nicht gesehen". "Das Wasser kam mannshoch aus der Marbach und stand in der Deutschherren Hof. Das Wasser riss tiefe Gräben, zerstörte die Wege und führte Wagen, Holz, Steine und Erde mit sich."

    1536, 18. Juli, kam es wieder zu einem starken Gewitter "wie seit Menschengedenken nicht". Ketzerbach und Deutscher Hof waren erneut überflutet, das Wasser ging durch alle Ställe, dass man "von den Pferden darin man nur die Köpfe gesehen hatte - ist also grausam gewesen, dass man nicht wohl glauben mag, wer es nicht gesehen hat".

    1552, 10. Januar, Schneeschmelze und anhaltendes Regenwetter brachte eine Überschwemmung zustande, die sich vom Lahnberg bis in den Pilgrimstein erstrecke. Viele Menschen hatten sich auf der Weidenhäuser Brücke eingefunden, um sich die Flut v on da anzusehen. Ein plötzlicher furchtbarer Regen veranlasste die meisten von ihnen, die Brücke fluchtartig zu verlassen. Trotzdem wurden beim Einsturz des mittleren Teils der Brücke 24 Menschen mit den Fluten mitgerissen wurden, "ohne dass ihnen Hülfe zuteil werden konnte". Erst drei Jahre später wurde das Mittelstück der steinernen Brücke wieder eingefügt. Das anhaltende Regenwetter ließ eine Mauer neben der Mühtreppe einstürzen, wodurch mehrere Wohnhäuser beschädigt wurden.



    Die bei Hochwasser zerstörte Weidenhäuser Brücke (Foto 1875)


    1614, 20. November, kamen aus dem oberen Lahntal solche Wassermassen bis Marburg, dass das Wasser mannshoch über das Kurze Brückchen floss [Anm.: Das Kurze Brückchen trennte Weidenhausen von der Zahlbach, ist jetzt nur noch als Straßenname vorhanden]

    1643, 5. Januar, Flut mit großen Verheerungen. Brücken, Mühlen und die Wasserkunst nahmen großen Schaden. In der Lingelgasse in Weidenhausen stand das Wasser bis zu 6 Fuß hoch in den Häusern.

    1704, wieder Hochwasser in der Ketzerbach. Das Wasser stand zwei Schuh hoch, zerstörte die Mühle in der Marbach und warf die Mauer im Deutschen Haus um.

    1711, durch ein Hochwasser wurde der östliche Pfeiler der Weidenhäuser Brücke schadhaft.

    1717, 16. September, ging ein starker Wolkenbruch über Marburg nieder. Zwei Frauen, die das Lahntor hinuntergingen, wurden von den Wassermassen, die über den Hirschberg aus den Gassen der Oberstadt kamen, mitgerissen. Sie konnten erst kurz vor der Weidenhäuser Brücke gerettet werden.

    1739, 16. Januar, ein Passagier des in Cölbe von dem Hochwasser umgeworfenen Postwagens konnte sich aus den Fluten nicht mehr retten. Sein Koffer wurde gefunden, seine Leiche erst nach drei Tagen. In Weidenhausen mussten die Bewohner in ihren Häusern in die oberen Stockwerke flüchten.

    1757, 7. Februar, wurde am Elisabethentor ein Postwagen von den Fluten hinweggetrieben. Ein Kaufmann und zwei Pferde ertranken. Sieben Personen wurden mit dem Kahn gerettet.

    1763, 30. Dezember, tagelanger Regen, verbunden mit Gewitter und Wolkenbrüchen ließ die Lahn sehr hoch ansteigen, Weidenhausen und der Grün wurde unter Wasser gesetzt. Der Chronist vermerkt: "Das Hochwasser war sich schrecklich, dass am 31. nachts 3 Uhr der mittlere Bogen der Weidenhäuser Brücke einstürzte. Wer sein Vieh aus den Ställen nicht in die Höhe bringen konnte, musste es ertrinken lassen. Kramwaren der Lohgerber in Weidenhausen wurden weggeschwemmt. Zwei Häuser am Kurzen Brückchen hatte das Wasser ganz durchlöchert und Mauern umgeworfen oder beschädigt." Zuerst wurde der Verkehr von Weidenhausen über die Lahn von zwei Kähnen (Gebühr: ein Kreuzer) bestritten. Erst 1765/66 wurde das verlorene Mittelstück durch eine hölzerne Konstruktion ersetzt. Den gesamten Januar regnete es unaufhörlich weiter. Der 2. Februar war der erste Tag ohne Regen.



    Die Weidenhäuser Brücke, kurz vor Neuerstellung 1891


    1789, 5. Mai, wieder verursachte ein Wolkenbruch über Marbach ein starkes Hochwasser in der Ketzerbach. Das Wasser reichte auf beiden Seiten bis zu den Häusern. Die Bewohner mussten bis in die oberen Stockwerke flüchten. "Dem Gastwirt Ockershausen in der Krone drang das Wasser mit solcher Gewalt in die Ställe, dass das Hornvieh beinahe ersoffen wäre und nur mit Lebensgefahr gerettet werden konnte."

    1841, 18. Januar, höchster Wasserstand der Lahn seit 1800.

    1847, 3. August, entlud sich ein Wolkenbruch über Marbach, zerstörte die alte Mühle und ergoss sich über die Ketzerbach. Die Flutenwaren so hoch, dass sie über die Mauer in die Elisabethkirche eindrangen. Die Wassermassen rissen dort den Fußboden auf, verwüsteten das Innere der Kirche und zerstörten die Gräber. Bis 1854 fanden die Gottesdienste im Michelchen statt.

    1867, großes Hochwasser der Lahn

    1876, 10. März, die Oberhessische Zeitung berichtet, dass die Lahn in Folge der Regengüsse wieder eine außerordentliche Höhe erreicht habe und im ganzen Lahntal über ihre Ufer getreten sei. "Dieses Austreten des Flusses hat sich in diesem Jahr so häufig wiederholt, wie es wohl überhaupt noch nie vorgekommen ist. Die gegenwärtige Fluth ist die größte unter den diesjährigen und hat dieselbe Höhe wie im Jahr 1867."

    1876, 12. März: "Zwischen 7 und 8 Uhr abends begann ein Orkan zu wüten, dessen Kraft erst nach 12 Uhr nachließ. Das Barometer zeigte 4 Strich unter Sturm." Dies lasen die Marburger am nächsten Tag der Katastrophe in ihrer Zeitung. Der Orkan hatte über dem gesamten Deutschen Reich, vom Rheinland bis Berlin, gewütet. Caub am Rhein war schwer getroffen durch einen Erdrutsch. Der Telegraphenverkehr ruhte, es wurden keine Depeschen mehr befördert. Der Eisenbahnverkehr wurde an vielen Stellen wegen Dammbrüchen unterbrochen, die Straßen waren wegen umgestürzter Bäume unpassierbar. Aus Frankfurt kam die Meldung, dass der "den Verkehr zum Ostbahnhof vermittelnde Omnibus konnte nicht fahren, da die Windsbraut ihm den Bock entführte und die Gefahr des Umwerfen sehr nahe war". Mehrere Tage berichteten im ganzen Reich die Zeitungen von den Ausmaßen, "wie man sie im gesamten Jahrhundert noch nicht gesehen hatte". Auch im Marburger Land wurden große Schäden verzeichnet: abgedeckte oder gar weggewehte Dächer, Verletzungen durch umher fliegende Dachziegel, umgeworfene Schornsteine und Grabsteine. Das für die Marburger fatalste Ereignis war, dass der fast vollendete und schon 28 Meter hoch von Spenden der Bürger errichtete Aussichtsturm auf Spiegelslust ("Siegesturm") in sich zusammengestürzt war. Der Obelisk, der 1814 auf der Augustenruhe errichtet worden war, soll vom Sockel gefallen und vom Pavillon an der Weintrautseiche die Bedachung abgerissen worden sein. In den Wäldern um Marburg waren tausende Bäume umgeworfen worden. Der gesamte Bestand an Obstbäumen in Heskem wurde entwurzelt. Auch aus den umliegenden Dörfern und aus Rauschenberg wurden schwere Schäden an Häusern und in der Flur vermeldet.

    1882, 28. November, höchstes Hochwasser des Jahrhunderts an Lahn und Rhein

    1894, Bückingsdamm wird errichtet zum Schutz des Südviertels vor Hochwasser

    1896, Juni, schwere Unwetter, Straßen in der Stadt wegen Schlamm und Morast gesperrt, Häuser mussten abgestützt werden, viele Leute brachen sich Arm und Bein, weil sie in den Straßen und Gassen entstandene Löcher fielen.

    1898, Juni, schwere Gewitter über Marburg

    1903, Juni, wieder schwere Gewitter und Schäden in der Stadt

    1909, schwere Überschwemmungen im Ohmtal und Lahntal

    1918, 17. Januar, "größtes Hochwasser seit 1867" mit Überflutungen im Südviertel

    1920, Hochwasser überflutet Weidenhausen

    1922, Errichtung des Trojedamms zum Schutz von Weidenhausen

    1941, Hochwasserkatastrophe im Ohmtal unterhalb der Amöneburg

    1946, Juli, Hochwasserkatastrophe, vier der fünf Holzbrücken über die Lahn in Marburg werden zerstört oder stark beschädigt. Alleine der Steg am Universitätsstadion (heute "Hirsefeldsteg" benannt) blieb unbeschädigt. Der Pioniersteg am Bückingsdamm und der Wehrdaer Pioniersteg, 1938 nahe des Lahngartens zum Afföller hin errichtet, wurden mangels Material nicht wieder aufgebaut. Nur der Steg am Schülerpark, der unbedingt gebraucht wurde, konnte wieder repariert werden.

    1947, Wolkenbruch über Marburg mit Überflutung der Ketzerbach. Das erneute Lahnhochwasser zerstörte den bereits 1946 schwer beschädigten Holzsteg an der Rosenstraße (zum Gaswerk hin) und gab ihm den Gnadenstoß. Der Steg wurde nicht wieder ersetzt

    1953, erneut Wolkenbrüche über der Stadt. Das Wasser der Marbach überflutet erneut die Ketzerbach mit Schlamm und Morast. In der Hohen Leuchte führen die herabströmenden Wassermassen Kränze vom Friedhof bis zum Dallesplatz (vor Lebensmittelgeschäft Peil)

    1965, Wasserstand der Lahn bei Hochwasser von 5,16 Meter

    1972, 14. August, Wolkenbruch über Marburg

    1979, 14. Dezember, starke Überschwemmungen durch Wolkenbrüche



    Der Hirsefeldsteg bei dem Hochwasser 1984


    1984, 7. Februar, nach Schneeschmelze und Wolkenbrüchen wird an der Lahn bei Marburg mit 5,33 Meter der höchste Wasserstand gemessen.

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    Das Ansteigen der Lahn durch Unwetter wurde bis zum Jahr 2000 gemildert durch drei große Rückhaltebecken: an der Ohm mit Schleuse bei Schönbach, an der Perf (Staubecken mit 10 Mio. cbm) und an der Wohra.

    Örtliche Wolkenbrüche werden immer wieder verheerende Folgen haben. Zum Glück hat es im engeren Raum von Marburg seit vielen Jahren keine solch verheerenden Wolkenbrüche mehr gegeben. Wenn sie wieder auftreten sollten, werden die Schäden hoffentlich nicht so hoch sein und das Leben von Tieren oder gar Menschen kosten.

    Früher machten die Betroffenen den Teufel oder böse Geister für solche unvorhergesehene Katastrophen verantwortlich. Heute trägt für die aufgeklärten Zeitgenossen an vergleichbaren Unwettern die Erderwärmung die Schuld.

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    Die Angaben sind entnommen aus folgenden Büchern:

    • Wilhelm Bücking, Mitteilungen aus Marburgs Vorzeit, Marburg 1886
    • E. Schneider, Marburg-Führer, Marburg 1914
    • Walter Kürschner, Geschichte der Stadt Marburg, Marburg 1934
    • Wilhelm Kessler, Geschichte der Universitätsstadt Marburg in Daten und Stichworten, Marburg 1984
    • Karl-Heinz Gimbel, Marburger Holzbrücken über die Lahn im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Marburg, 2010
    • Karl-Heinz Gimbel, Der Marburger Kaiser-Wilhelm-Turm, Marburg, 2012
    • sowie aus zeitgenössischen Berichten der Marburger Zeitungen im 19. und 20. Jahrhundert.


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    Fotos aus den Jahren 1875, 1891, 1921 und 1984:

    • Weidenhäuser Brücke um 1875 mit dem durch Hochwasser zerstörten Mittelteil,
      in: Historische Bilddokumente LAGIS (www.lagis-hessen.de),
      Fotograf: Ludwig Bickell
    • Weidenhäuser Brücke kurz vor dem Abbruch 1891, in: Historische Bilddokumente LAGIS (www.lagis-hessen.de),
      Fotograf: Ludwig Bickell
    • Hochwasser Afföller in Marburg 1921, in: Historische Bilddokumente LAGIS (www.lagis-hessen.de),
      Fotograf: unbekannt
    • Hirsefeldsteg bei Hochwasser im Jahr 1984,
      Fotograf: Karl-Heinz Gimbel


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