Karl-Heinz Gimbel - Marburger Oberbürgermeister
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Die Marburger Oberbürgermeister

Die Stadtoberhäupter von Marburg
im 19.und 20. Jahrhundert

  • Dr. Ernst Scheller (1934-1939)

    Von 1934 bis 1939 war Dr. Ernst Scheller Oberbürgermeister der Stadt Marburg. Die Besonderheit der Amtsführung eines Oberbürgermeisters in der Zeit der Herrschaft der NSDAP bringt die Notwendigkeit einer ausführlichen Darstellung.

    Wegen des Umfangs der Darlegungen werden in der Einleitung die beiden ersten Teile abgedruckt.

    Teil 1: 1933 wird die Verwaltung zum Vollstrecker der Partei
    Teil 2: Wie die Partei die Politik in Marburg bestimmte


    In einem zweiten Beitrag erfolgt die Darstellung der Judenbehandlung in Marburg und die Stadtpolitik dieser Jahre

    Teil 1 – 1933 änderte sich alles in der Kommunalpolitik von Marburg

    Nach 1933 hatte die Rolle des Oberbürgermeisters in Marburg eine andere Bedeutung erhalten. Wie im gesamten Deutschen Reich sollte in den Gemeinden, Kreisen und Provinzen die Partei, die jeweiligen Führer der NSDAP, die Politik bestimmen. Der gewählte Oberbürgermeister Johannes Müller wurde als Gegner der NSDAP eingestuft und abgesetzt.

    Man wählte jedoch nicht sofort einen neuen, von der NSDAP bestimmten Oberbürgermeister, sondern ließ die Stelle für etwa ein Jahr vakant. Begründet wurde dies nach außen hin mit Sparmaßnahmen der Verwaltung in der wirtschaftlichen Notlage der Stadt („zwecks Vereinfachung der Verwaltung und Erzielung weiterer Ersparnisse“). Die Partei war ab sofort sowieso die bestimmende Kraft auf allen Ebenen.

    In dieser oberbürgermeisterlosen Zeit war Bürgermeister Walter Voß, seit 1927 im Amt, der oberste Dienstherr der Marburger Verwaltung. Außer Voß waren bei den Magistratsitzungen noch als Beamte der Stadt zugegen Baurat Hilmer und Syndikus Dr. Läsker. Dazu kamen weitere ehrenamtliche Magistratsmitglieder.

    Die Politik im Magistrat bestimmte der Kreisleiter der NSDAP, Hans Krawielitzki. Ebenfalls ehrenamtlich vertreten waren Dr. Scheller, Schriftleiter der Oberhessische Zeitung, und teilweise die NSDAP-Aktivisten Dr. Estor, Sonnenschein, Bingel, Heinze, Kawaletz, Heinze, Kersten, Niderehe und Dr. Walz. Per Beschluss wurde festgelegt, dass die Magistratsitzungen nicht vor 20.15 Uhr beginnen sollten. Damit war ermöglicht die Anwesendheit der Ehrenamtlichen, die jeweils noch einer Arbeit nachgingen. Aus dem Arbeitsprozess sollten die Ehrenamtlichen nicht herausgezogen werden.

    Der Marburger Oberbürgermeister war an die Weisungen des Kreisleiters gebunden. Dieser arbeitete eng zusammen mit dem Gauleiter von Kurhessen, Hans Weinrich. Die Parteigliederung Kurhessen gehörte zur preußischen Provinz Hessen-Nassau, die administrativ geleitet wurde von dem Oberpräsidenten Prinz Philipp zu Hessen.

    Hermann Bauer versucht, mit Kommentaren in seiner Zeitung die Wähler aufzurütteln

    Nach der Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 wurden für den 12. März 1933 Neuwahlen für die Kommunalparlamente angesetzt. Bei Durchsicht der beiden Marburger Zeitungen ist bemerkenswert, dass in der konservativ eingestellten Oberhessische Zeitung nur ein einziges Mal eine Werbeanzeige der NSDAP (zu einem Vortrag des Nationalsozialisten Streicher in den Stadtsälen), aber mehrere Anzeigen anderer Parteien (Deutschen Volkspartei und Zentrum) sowie Berichte über Versammlungen vom Hausfrauenverein, Verein der Gewerbetreibenden und Mieterbund zu finden sind.

    Anders sah es in dem von Hermann Bauer herausgegebenen Hessischen Tageblatt aus. Hier greift Bauer ganz offen die NSDAP in Berichten und Kommentaren an und wirbt darum, dass die Marburger nicht diese „braunen Horden“ wählen sollten.

    Bezeichnend für die einseitig parteiische Haltung von Hermann Bauer gegen die NSDAP ist ein halbseitiger als „Faschingsartikel“ getarnter Artikel zum möglichen Auftritt der NSDAP im neuen Parlament, veröffentlicht wenige Tage vor der Kommunalwahl (hier ein Auszug):

    „Das neue Stadtparlament tagt

    … Für Fastnachtsdienstag früh 9.30 Uhr wurde die erste Sitzung des neu gewählten Parlaments einberufen. Ein Wackelzug durch die Straßen der Stadt bildete die Einleitung. Unter allgemeinen Heilrufen erdröhnte das alte Rathaus … Nachdem die Parlamentarier Platz genommen hatten: Ein völlig verjüngtes Bild; es schien, als wenn die Stadtväter bei Steinach zur Kur gewesen wären. Nur wenig üppiger Bartwuchs, vorwiegend wolliger Flaum! …
    Stv. Spitz eröffnet als Alterspräsident und fragt, ob jemand älter sei als er.
    Stv. Krekelitzki: Ach was, Alter! Das war früher mal. Mit Hitler kam die Jugend ans Ruder, das Alter hat zu verschwinden, wenn wir kommen. Sprachs, um selbst Stadtverordnetenvorsteher zu spielen.
    Stv. Tagmärker erstattet hiergegen ein Gutachten, das darin gipfelt: Wenn schon ein Jugendlicher in den Rohde-Stuhl soll, dann kommt ein Jurist in Frage.
    Abg . Bottich platzt sich daraufhin an Krekelitzkis Stätte unter Heil- und Lärmrufen der Tribünenbesucher.
    Stv. Etzel: „Zur Geschäftsordnung …“
    Präsident Bottich: „Hier gibt es keine Ordnung mehr. Jetzt gilt unsere V e r ordnung: Wer innerhalb der letzten 14 Jahre hier geredet hat, hat zu schweigen!“
    " …“

    Erklärungen zu den Namen und Begriffen:

    Wackelzug = Fackelzug (von der NSDAP oft veranstaltet)
    Steinach = Baldur von Schirach
    Spitz = Stumpf (Abgeordneter der Bürgerliste)
    Krekelitzki = Krawielitzki (NSDAP-Abg., Kreisleiter und „Hoheitsträger der Bewegung“)
    Tagmärker = Sonnenschein (NSDAP-Abg.)
    Rohde war bisher Stadtverordnetenvorsteher
    Bottich = Böttcher (NSDAP-Abg. und Rechtsanwalt)
    Etzel = Eckel (SPD-Abgeordner)

    Wie wenig Bauer mit seinen scharfen Angriffen gegen die NSDAP das Wahlergebnis von Marburg beeinflussen konnte, zeigten die Ergebnisse vom 12. März 1933:

    Partei - Kommunalwahl 1933 - (Sitze) - Kommunalw. 1929 - (Sitze) - Reichstagsw. 1933

    NSDAP .......... 7.218 ................... (20) ............... 483 ..................(1) ...........9.444
    SPD .............. 1.483 .................... (4) ................ 994 ................. (4) .......... 2.222
    KPD ................. 461 .................... (1) ................ 180 ................. (0) ............. 794
    Zentrum ......... 710 ..................... (1) ................ 496 ................ (2) ............. 951
    DNVP ............ 1.343 .................... (3) .............. 1.194 ................ (4) ......... 1.825
    Bürgerl. AG ... 466 ..................... (1) ................ 975 ................ (1) ............ n. a.
    DVP ................. 264 .................... (0)................. 965 ................. (3) ............. 595
    Mieter ............ 293 .................... (0) .............. 1.216 ................ (5) ............. n. a.
    Andere ........... 847 .................... (0) ......... o. Angabe ............ (0) .............. 536

    Die NSDAP hatte im Stadtparlament von Marburg vor 1933 - wie auch die KPD - keine Rolle gespielt.

    Aussagen von bestimmten Beurteilern, dass die Universitätsstadt bereits in den Jahren vor 1930 „ein rechtsreaktionäres Nest“ gewesen sei, sind nur zutreffend, wenn man die Marburger Bürgerschaft, die immer mehrheitlich national eingestellt war als „rechtsreaktionär“ diskreditieren will.

    1930 erhielten die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen 650 Stimmen = 5,5 %. Die Mitgliederzahlen der Partei in Marburg stiegen jedoch ab diesem Jahr stark an.

    1925 - 11 Miglieder der NSDAP in Marburg
    Ende 1930 - 243 Mitglieder
    Ende 1932 - 691 Mitglieder
    1933 - 641 Neuaufnahmen

    (aus: Dern, Festschrift der NSDAP)

    Die Wahlerfolge der NSDAP in Marburg nach 1930 folgen dem allgemeinen Trend. Die Wirtschaftskrise, dazu die klar rechts stehenden Berichte der Oberhessische Zeitung, die wesentlich mehr Leser an sich binden konnte als die Zeitung von Hermann Bauer sowie Aktivitäten der SA-Gruppen in Marburg wie Fackelzüge und diszipliniert besuchte Veranstaltungen, beliebte Musikdarbietungen des SA-Spielmannszugs usw. konnten die anderen Parteien kaum etwas entgegenstellen.

    Vorbei waren auch die Zeiten vor 1930, als die NSDAP sich in Marburg durch unqualifizierte Vertreter darstellte. Diese Parteiführer hatten die Bürger abgeschreckt. Im Stadtparlament saßen bis 1929 Geschäftsleute, Handwerker, Lehrer und Arbeiter. In Teilen eine Honoratiorengruppe wie vor 1914.

    Nachdem man den Oberbürgermeister Müller abgesetzt hatte und auch bald die Zeitung von Hermann Bauer verboten hatte, regte sich kaum Widerstand. Die politisch Interessierten Marburger, denen Recht und Gerechtigkeit für alle und ihre persönliche Freiheit obenan standen, mussten zusehen, wie eine durch musikalische Aufmärsche, Fahnenschmuck, Illuminationen und flammende Reden beeinflusste Mehrheit auf die für viele als abstrakt angesehenen Bürgerrechte verzichten konnte.

    Hermann Bauer gelang in der von ihm herausgegebenen letzten Ausgabe seiner Zeitung (ab 29. April 1933 Verbot) ein mutiger Protest. Aber Bauer war chancenlos.

    Bauer informierte seine Leser darüber, dass seine Zeitung bedroht werde. Die Marburger Geschäftsleute würden darüber informiert, dass ihnen ein Boykott drohe, wenn sie weiter bei Bauers Zeitung Inserate aufgeben würden. Dadurch war Bauer in seiner wirtschaftlichen Existenz untergraben. Er schreibt zum Schluss: „Ich bitte jeden gerecht und aufrichtig Denkenden mich in meinem Kampf gegen Unwahrhaftigkeit und Gemeinheit, für Recht und Gerechtigkeit zu unterstützen. Der Wahrheit die Ehre!“

    Doch Bauer verlor seinen Kampf gegen die Partei. Nach dem Presseverbot musste er bald darauf einige Tage in Schutzhaft verbringen. Seine Druckerei wurde ihm jedoch nicht weggenommen. Er konnte mit privaten Druckaufträgen seine Arbeiten weiterführen und damit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

    Angeführt werden muss zudem, dass er - trotz seiner unbestrittenen Antihaltung zu der herrschenden Partei - in späteren Jahren gleichwohl Druckaufträge von SA und HJ bekam. Allerdings musste er billiger anbieten als seine Konkurrenten. Er selbst belegt in seinen Unterlagen, dass er von Marburger Parteigenossen immerhin als Fremdenführer für die Stadtbesichtigung eines hohen auswärtigen Parteiführers empfohlen wurde. Zudem wurden seine historischen Kenntnisse bei Stadtteilveranstaltungen gerne genutzt.

    Beliebt war schon vor 1933 der Musikzug der Standarte J. 11 des SA unter Führung ihres Musikzugführers Herguth. Die Marschmusik der SA-Kapelle war perfekt eingeübt. Als Krönung konnte sich der Zug sogar im Februar 1933 in Kassel bei einem Vorbeimarsch beim Führer auszeichnen.

    Zudem wurden - und dies wird von den meisten bei der nachträglichen Betrachtung der Entwicklung vergessen - über Maßnahmen, die eventuell Widerstand hervorrufen konnten, keine Informationen weitergegeben. Keinen negativen Einfluss, eher eine Zustimmung großer Kreise versprach man sich von Meldungen wie: „Acht Vertreter der KPD wurden in Schutzhaft genommen.“ Damit war für die NSDAP die Sichtweise verbunden, dass die Kommunalwahlen „in völliger Ruhe“ ablaufen konnten.

    In der nun allein agierenden Oberhessische Zeitung wurden Meldungen wie die folgende als „Lokalberichte“ den Lesern in der „Stadtzeitung“ dargebracht:

    „Wegen Mißhandlung der Pferde das Fuhrwerk abgenommen

    Am Pfingstsonntag abend bemerkten SS- und SA-Männer wie Pferde eines Chaisefuhrwerks von ihrem Lenker schwer misshandelt wurden. Sie schritten ein und es entspann sich eine kleine Schlägerei mit den Insassen des Wagens. Es wurde festgestellt, dass das Fuhrwerk einem hiesigen Geschäftsmann gehört, das von einem Arbeiter, der bei diesem beschäftigt ist, mit seinen Freunden einen Ausflug gemacht hatte. Sie hatten dabei sehr stark dem Alkohol zugesprochen.

    Die Fahrt ging ihnen zu langsam und aus diesem Grunde mussten die Pferde mit einem Knüppel misshandelt werden. Die SS- und SA-Männer nahmen dem Lenker die Pferde ab und brachten diese zur Polizeiwache, von wo aus dem Besitzer die Pferde und der Wagen wieder zugestellt wurden. Ein richtiger Denkzettel in Gestalt eines hohen Strafmandats dürfte die gerechte Strafe sein.“

    Die neue Macht in Marburg konnte - so der Bericht - nicht nur mit schöner Marschmusik glänzen, sondern die Leute der NSDP sorgten auch für Ordnung.

    Wie beeindruckend dies selbst auf kritisch eingestellte Mitmenschen wirkte, zeigt die im Folgenden abgedruckte Predigt des neu eingestellten Pfarrers Schimmelpfeng an seine Gemeinde:

    „Liebe Gemeinde, mit Frühlingsgrün und Fahnenschmuck ist der erste Mai 1933 von dem deutschen Volke in allen seinen Ständen begrüßt worden. Noch vor kurzer Zeit riss derselbe Tag tiefe Abgründe auf und zog scharfe Trennungsstriche mitten durch unser deutsches Volk. Zum ersten Mal geschiehts heute, dass gewollt ist, dass der Maientag aller Stände und Stämme, aller Arbeiter von Hand und Hirn zusammengefügt wurde zum Tag der Arbeit.

    …“

    Ausführliche Informationen zu diesem Teil im Internet unter:

    http://www.myheimat.de/marburg/politik/marburger-oberbuergermeister-teil-8-dr-ernst-scheller-einleitung-d2751028.html

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    Oberbürgermeister Dr. Ernst Scheller, Teil 3 – Juden wurden schon ab 1933 ausgegrenzt

    Der im 19. Jahrhundert aufgekommene Antisemitismus hatte in der Stadt Marburg deutlich weniger Zuspruch gefunden als im ländlichen Gebieten. Die damaligen Reichstagswahlen hatten für den bekanntesten Marburger Antisemiten Dr. Böckler („Bauernkönig“) nur in den Dörfern überragende Ergebnisse gebracht. In Marburg gab es viele jüdische Geschäfte. Die Inhaber waren mit ihrem Handel erfolgreich. Aus dem Vereinsleben und der Lokalpolitik waren sie kaum wegzudenken.

    Nach der Machtübernahme durch Hitler wurde zusätzlich zu dem Marxismus, der unbedingt zu beseitigen war, den Juden der Kampf angesagt. Nach der Lehre des Rassismus galten die Juden als undeutsch. Auch in anderen europäischen Staaten hatten die Juden mit Anfeindungen zu kämpfen.

    Schon Ende März 1933 begann die Propagandamaschine gegen die Juden - von Berlin aus gesteuert - zu laufen. Die Juden wurden mit Boykott belegt. Dieser wurde aber kurz darauf wieder aufgegeben. Begründet wurden die Maßnahmen mit angeblichen Aufrufen im Ausland zum Boykott deutscher Waren.

    Die Juden in Marburg hatten umgehend reagiert. In der Oberhessische Zeitung hat der Vorstand der israelischen Gemeinde Marburgs am 30. März 1933 eine Anzeige aufgegeben. Sie hofften - noch - auf einen Erfolg ihrer Klarlegungen und auf die Vernunft der Mitbürger.

    Anzeige der Jüdischen Gemeinde Marburgs in der Oberhessischen Zeitung am 30. März 1933

    „Die Mitglieder der Jüdischen Gemeine Marburgs haben mit Abscheu davon Kenntnis genommen, daß im Auslande Greuelnachrichten über Misshandlung Deutscher Juden verbreitet und zum Boykott Deutscher Waren aufgefordert wird. Wir rücken sämtlich weit ab von all diesen durchsichtigen Lügen.

    Wahrheitsgemäß und aus innerem Bedürfnis heraus erklären wir, daß bis zum heutigen Tage keinem Juden in Marburg auch nur ein Haar gekrümmt wurde und bitten von dieser Erklärung den zu ihrer Verbreitung erforderlichen Gebrauch zu machen. …“

    Diese Darstellungen hielten den Gauleiter Weinrich nicht davon ab, zwei Tage später am 1. April 1933 zum „Boykott des Judentums, der jüdischen Warenhäuser, der jüdischen Einheitspreisgeschäfte, der jüdischen Waren, der jüdischen Viehhändler, der jüdischen Ärzte, der jüdischen Rechtsanwälte“ aufzurufen.

    Weinrich formulierte weiter: „Wir wollen keinen jüdischen Beamten, keinen jüdischen Lehrer mehr. In diesem Zusammenhang warnen wir auch nochmals die jüdischen Geldverleiher, die durch rigorose Einforderung von Geldern deutschen Menschen die Gurgel abzudrehen versuchen. … Der Boykott wird in aller Disziplin durchgeführt, gegen Tätlichkeiten und Bedrohungen einzelner Juden wird mit scharfen Maßnahmen vorgegangen.

    Gegen Elemente, die den disziplinierten Boykott der nationalen Bewegung in Misskredit zu bringen versuchen, dadurch, dass sie gegen Juden tätlich vorgehen, dass die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen oder Plünderungen vorzunehmen versuchen, wird mit barbarischen Mitteln vorgegangen werden.“

    Die Partei wollte demnach einen klinisch reinen Boykott, niemand sollte sich die Hände dreckig machen. Leider wurde dies nicht von den fanatischen Nazis überall eingehalten. Von Bestrafungen, gar vom Einsatz barbarischer Mittel gegen Übergriffe ist nichts bekannt. Am folgenden Mittwoch wurde der Boykott für beendet erklärt „weil er durch die Entwicklung überflüssig geworden ist.“

    Auch in Marburg fanden sich fanatische Judengegner, die aus verschiedensten Gründen auf primitive Art gegen bekannte Juden vorgingen, vor allem Geschäftsleute. Der ausgerufene Boykott wurde jedoch schon am nächsten Tag in einem Zeitungsartikel zurückgenommen.

    Bis 1938 hatte der Großteil der Marburger Juden die Stadt verlassen

    Es gab in den Jahren nach 1933 immer wieder Zeiten, in denen die Juden in relativer Ruhe gelassen wurden. Die Ausnahme waren die fanatischen Nazis. Während auf den Dörfern die soziale Kontrolle wesentlich stärker wirkte und die Fanatiker ihr Spiel treiben konnten, war in Marburg für einige Juden noch ein anonymes Leben bis 1938 möglich.

    Wenn auch noch die meisten Marburger in jüdischen Geschäften weiterhin einkauften, so waren zumindest die Angehörigen der bei der Stadt oder auch bei der Universität Beschäftigten gezwungen, alle Kontakte mit Juden zu beenden. Dies traf auch die Kinder, die meist kein Verständnis aufbringen konnten, warum sie mit alten Spiel- und Klassenkameraden plötzlich keinen Kontakt mehr haben durften.

    In den Jahren nach 1933 hatten immer mehr Marburger Juden den Ausweg der Auswanderung gewählt. Nahezu alle, die genug Geld hatten oder Verwandte im Ausland verließen Marburg. Dies kam der Absicht der Partei entgegen, ein Deutschland ohne Juden zu erreichen. Von 66 jüdischen Geschäften im Jahr 1933 existierten fünf Jahre später nur noch 19. Die Ärmsten waren letztlich am schlimmsten dran. Für sie oder für diejenigen, die immer noch glaubten, dass irgendwann der Spuk des „Dritten Reiches“ ein Ende finden werde, folgte schließlich im Verlauf des Krieges, als alle Gesetze außer Kraft gesetzt waren, die Deportation und Vernichtung.

    Die Bürger der Stadt erhielten über die Lokalzeitung keine Aufklärung über die Entwicklung. Nur wenig wurde von Mund zu Mund weitergegeben. Die Denunzianten konnten überall mithören. Und jede als gegen die Partei gerichtete Äußerung führte zur sofortigen Verhaftung.

    Wie groß der Anteil der schweigenden Mehrheit war, welche „eigentlich“ die Maßnahmen gegen die Juden missbilligt hatte, kann nicht beziffert werden. Nimmt man jedoch die Aussagen der vielen Parteigenossen nach 1945 vor der Spruchkammer zur Entnazifizierung als wahr entgegen, so muss sogar die Mehrheit der Parteigenossen heimlich Antinazi gewesen sein.

    Der Synagogenbrand am 9. November 1938

    Von Jahr zu Jahr wurde für die Juden in der Stadt das Leben immer unzumutbarer. Die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 begründeten eine Hetzkampagne. Unheilvoller als in der Stadt Marburg waren die Auswirkungen in einigen Orten des Kreisgebiets.

    Doch es kam noch schlimmer. Im November 1938 nutzten die Nationalsozialisten die Ermordung des Gesandtschaftsrats von Rath zu einem inszenierten Anschlag auf die Synagogen in Deutschland.

    Auch in Marburg wurde die Synagoge in der Universitätsstraße von SA-Verbänden in Brand gesetzt. Erst 1947 kam es zu einer Verhandlung über diese Tat. Nur wenige wurden als Täter ermittelt. Erinnerungslücken der Beteiligten - sämtlich SA-Fanatiker - erschwerten die notwendigen Bestrafungen, von Reue war keine Spur.

    Die Marburger Bevölkerung erfuhr aus der Presse kein Wort von den Ereignissen in der Stadt am 8. November 1938. Die zur Ruine gewordene Synagoge wurde bald gänzlich abgerissen und es blieb eine Baulücke. Auch die Maßnahmen, die umgehend im Anschluss an die Ereignisse gegen die Juden ergriffen wurden, fanden ohne Information der Öffentlichkeit statt. Nur zufällig konnten Marburger von Einzelmaßnahmen Kenntnis erhalten.

    In den - leider nur unvollständig erhaltenen - Akten aus der Zeit ab 1933 ist nachzulesen, was damals geheim gehalten wurde

    Die folgenden Ausführungen sind entnommen aus dem noch - und nur unvollständig - erhaltenen Akten der Stadt Marburg. Keiner der Marburger Bürger verfügte über diese Informationen. Die Oberhessische Zeitung brachte wie immer keine Informationen.

    Am 10. November 1938 wurden 31 Juden in Schutzhaft genommen und nach dem Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Es waren vorrangig Juden, deren Geschäfte und Grundstücke man enteignen wollte. Nach Zustimmung zum Hausverkauf und Arisierung der Geschäfte wurden sei nach und nach aus Buchenwald entlassen.

    Einige konnten anschließend auswandern. So wurde bekannt, dass Julius Stern, Barfüßer Straße 26, sein Geschäftshaus für 26.000 RM verkaufen und Marburg verlassen konnte.

    Ausführliche Informationen zu diesem Teil im Internet unter:

    http://www.myheimat.de/marburg/politik/marburger-oberbuergermeister-teil-8b-dr-ernst-scheller-1934-1939-die-ausgliederung-der-juden-d2757203.html

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    Nach der im März 1933 vollzogenen Machtübernahme der NSDAP in der Stadtverordnetenversammlung und im Magistrat kam es zur Absetzung von Oberbürgermeister Johannes Müller. Die NSDAP ließ die Stelle des Oberbürgermeisters für etwa ein Jahr unbesetzt. Für die Verwaltung war Dr. Ernst Scheller 1933 als ehrenamtlich Beigeordneter dem weiterhin im Dienst befindlichen Bürgermeister Walter Voss an die Seite gestellt worden.

    Am 27. April 1934 wurde die oberbürgermeisterlose Zeit beendet: Dr. Scheller wurde als besoldeter Oberbürgermeister der Universitätsstadt und nominelles Stadtoberhaupt eingeführt. Dr. Scheller führte diese Funktion von 1934 bis 1939 aus.

    Die Politik der Stadt wurde jedoch nicht vom Oberbürgermeister bestimmt. Entscheidungsträger der Politik in Marburg waren die Führer und Hoheitsträger der Partei. Die Anordnungen von Kreisleiter Krawilitzki und von Gauleiter Weinrich waren für die Verwaltung bindend. In vielen Belangen zeigen sich bei Durchsicht der Akten gegensätzliche Auffassungen von Partei und Verwaltung, die teilweise zu starken Reibungspunkten führten. In die Öffentlichkeit sind diese Auseinandersetzungen nicht gedrungen.

    Bezeichnend für die unterschiedliche Bewertung von Partei und Stadtverwaltung kann die Tatsache sein, dass die Führer der Marburger NSDAP (Kreisleiter, die SA-Führer) 1939 zu Kriegbeginn nahezu sämtlich als UK gestellt wurden. Dagegen wurde Oberbürgermeister Dr. Scheller und weitere führende Verwaltungsbeamte zu Kriegsbeginn als abkömmlich angesehen und umgehend zum Kriegsdienst einberufen.

    Dr. Scheller hatte wie die meisten Marburger Oberbürgermeister seine Wurzeln nicht in der Universitätsstadt. Doch er hatte offensichtlich mit seinem Studium in Marburg an der alten Stadt Gefallen gefunden. Er hatte sich bald kommunalpolitisch engagiert gezeigt und war auch in der Bürgerschaft eingebunden. So war er offensichtlich eifriger und in seiner Stellung als Hauptschriftleiter der Oberhessische Zeitung anerkanntes Mitglied einer Bürgervereinigung, die sich „Käsebrett“ nannte.

    Im Gasthaus „Hannes“ in Weidenhausen trafen sich Professoren und andere honorige Bürger der Stadt. Es gab einen wöchentlichen Kegelabend. Die Teilnehmer des „Käsebretts“ bildeten einen den Marburgern bekannten einflussreichen Stammtisch. Dieser Bürgertreffpunkt wurde in Marburg als konservativ bis nationalistisch eingeordnet (so kann man Darstellungen von Hermann Bauer, dem anerkannten Gegner der NSDAP, deuten).

    Aus dem Lebenslauf von Ernst Scheller, der Partei vorgelegt zum Antritt als Oberbürgermeister von Marburg

    (Angaben übernommen aus der Personalakte Dr. Scheller, Stadtarchiv Marburg, Pa 827/3)

    Ernst Scheller, evangelisch, wurde am 18. Juli 1899 in Sandbauernschaft (heute: Norden) als Sohn eines Oberlehrers geboren. Er besuchte die Schule in Höxter/Weser - zuletzt das Gymnasium - bis März 1917. Nach dem Abitur trat er als 18-Jähriger noch im gleichen Monat als Kriegsfreiwilliger in das Heer ein. Im Herbst 1917 wurde er verwundet. Bei Kriegsende war Scheller Oberleutnant.

    Nach dem Krieg studierte er in Göttingen, Würzburg und Marburg die Fächer Geschichte, Kunstgeschichte, Deutsch, National-Ökonomie und Wirtschaftsgeografie. 1923 unterbrach er sein Studium und wurde Bankangestellter in der Darmstädter Nationalbank. Er arbeitete für die Bank in Frankfurt als Gruppenführer im Effektenbüro. 1924 war er wieder nach Marburg an die Universität zurückgekehrt. 1925 promovierte er an der Philipps-Universität mit einer Arbeit über die Außenpolitik Bismarcks.

    Seit dem Frühjahr 1925 war Scheller in Marburg politischer Redakteur der Oberhessische Zeitung und übernahm im Juli die Hauptschriftleitung der Zeitung. Diese Funktion nahm er bis zu seiner Ernennung als Oberbürgermeister wahr.

    Dr. Scheller schreibt in seinem Lebenslauf, 1933 gerichtet an die NSDAP zu seiner Bewerbung um die Stelle des Oberbürgermeisters in Marburg, dass er bereits seit 1923 im Dienst der völkischen Bewegung gestanden hätte. So habe er 1924 dem Wahlvorstand des Völkisch-Sozialen Blocks angehört und habe deren Propaganda im Raum Frankfurt geleitet. Infolge dieser Tätigkeit hätte er seine Stellung bei der Bank verloren. Auch für die Zeit von 1925 bis 1932 gibt Dr. Scheller an, dass ihm bei der Oberhessische Zeitung durch den Zeitungsverleger Dr. Hitzeroth dreimal wegen seiner politischen Tätigkeit gekündigt wurde. Dies sei auch der Grund gewesen, dass er erst Ende 1931 in die Partei eingetreten sei.

    Mitglied der NSDAP wurde er im Oktober 1931 mit Mitgliedsnummer 813 629. In der Parteigliederung war Dr. Scheller SA-Führer. „Förderndes Mitglied der SS“ war Dr. Scheller ab 1. Juli 1934. Offenbar hatte die finanziell nicht gut gestellt SS in Marburg intensiv um „fördernde Mitglieder“ geworben. Zur gleichen Zeit war auch Bürgermeister Walter Voss als „förderndes Mitglied“ der SS beigetreten.

    Dr. Schellers Weg zum Oberbürgermeister in Marburg

    Dr. Scheller hatte bald mehrere Parteifunktionen inne. Er wurde in Marburg Kreisamtsleiter der NSDAP für Kommunalpolitik. Zudem übernahm er den Pioniersturm der SA P9/J.11. Nach der Kommunalwahl im März 1933 wurde er wenig später – nach der Absetzung von Oberbürgermeister Johannes Müller durch die neugewählten NSDAP-Abgeordneten – ehrenamtliches Mitglied im Magistrat. Im Juli wurde er mit Dr. Walz zum ehrenamtlichen Beigeordneten gewählt. Dr. Scheller wurde jedoch als einziger neuer Beigeordneter vom Regierungspräsidenten in das Amt eingewiesen, da Dr. Walz inzwischen nach Breslau gegangen war.

    Der vorerst in den Ruhestand getretene Oberbürgermeister Johannes Müller wurde im September 1933 ordnungsgemäß in den Ruhestand versetzt. Dieser wurde zum Jahresende wirksam. In die freie Stelle des Oberbürgermeisters von Marburg wurde am 31. März 1934 vom Preußischen Innenminister der Hauptschriftenleiter Dr. phil. Ernst Scheller berufen.

    Nach 1933 hatte die Rolle des Oberbürgermeisters in Marburg eine andere Bedeutung erhalten. Wie im gesamten Deutschen Reich sollte in den Gemeinden, Kreisen und Provinzen die Partei, die jeweiligen Führer der NSDAP, die Politik bestimmen. Der Marburger Oberbürgermeister war an die Weisungen des Kreisleiters gebunden. Von 1933 bis zur Übernahme des Landratspostens war dies Krawielitzki. Dieser arbeitete wieder eng mit dem Gauleiter von Kurhessen Hans Weinrich zusammen, welcher die politische Arbeit bestimmte. Der Gau Kurhessen war Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Die administrative Leitung in Hessen-Nassau war Prinz Philipp zu Hessen als dem Oberpräsidenten der Provinz zugeteilt worden.

    Als bemerkenswert ist die in Gänze in der Oberhessische Zeitung veröffentlichte Antrittsrede von Dr. Scheller einzustufen. Der Tenor der Rede des neuen Oberbürgermeister an die Marburger Bevölkerung war, dass er dafür sorgen wollte, dass die Verwaltung für die Bürger da sein sollte, den Bürger höflich behandeln und nicht umgekehrt die Verwaltung den Bürger als lästigen Bittsteller ansehen sollte. Dr. Scheller betonte insbesondere, dass er sein zukünftiges Wirken voll in den Dienst der Stadt stellen werde.

    Die Amtszeit von Oberbürgermeister Dr. Scheller

    Die wichtigsten Ziele, die Dr. Scheller in den Jahren seiner Amtszeit verfolgte, waren die Stärkung des Fremdenverkehrs, die Erhöhung der Studentenzahlen, die Verminderung der Arbeitslosenzahlen und der Wohnungsbau.

    Großes Gewicht legte Dr. Scheller auf die Festspiele der Stadt Marburg. Die jährlich auf der neuen Freilichtbühne am Schloss durchgeführten Veranstaltungen sollten die touristische Attraktion der Stadt sein und die Fremden anlocken. Faltblätter mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt wurden im gesamten Reich an die Fremdenverkehrsämter verteilt, um Besucher anzulocken. Der Ortenberg wurde 1936 als „heilklimatischer Kurort“ anerkannt. Am Ortenberg lud das „Kurhotel Ortenberg“ die Touristen ein.

    Wie der Oberbürgermeister im Dezember 1937 berichtete, hatte Marburg im Übernachtungsverkehr eine Zunahme von 20 % gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. So hätten die Marburger Festspiele nahezu 20.000 Besucher gehabt. Für 1938 sehe das Festspielprogramm die drei Lustspiele von Shakespeare vor, und zwar "Der Widerstenstigen Zähmung", "Ein Sommernachtstraum" und "Viel Lärm um Nichts". Die Ufa hätte einen Kurhessen-Film vorbereitet mit "Aufnahmen von schönen alten Fachwerk- und Kratzputzhäusern". Der Fremdenverkehr sollte Marburg gesteigerte Einnahmen bringen.

    In Bezug auf die Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung waren der Stadtverwaltung durch die wie seit jeher schlechten finanziellen Verhältnisse der Stadt Fesseln angelegt. Um den Bürgern kleine Einkünfte zu ermöglichen, verfügte Dr. Scheller, dass kein Beschäftigter der Stadt einen Studenten in Unterkunft nehmen dürfte. Dies sollte als Einnahmequelle den Bewohnern der Stadt zugute kommen, die teilweise arbeitslos waren. Die Beschäftigten der Stadt - so Dr. Scheller in seinen Anschreiben - hätten eine geregelte Einnahme und müssten zurückstehen.

    Bei Ausschreibungen zu Baumaßnahmen sind nach Vergabe der Ausschreibungen an Firmen als Bemerkungen am Rand der Anschreiben mit Schellers Anweisungen zu lesen: „Marburger Arbeiter sollen eingestellt werden“. Es sollte hiermit die Einstellung Marburger Arbeitsloser und nicht solcher aus Nachbargemeinden bewirkt werden.

    Weitere ausführliche Informationen zu diesem Teil im Internet unter:

    http://www.myheimat.de/marburg/politik/marburger-oberbuergermeister-teil-8c-dr-scheller-1934-1939-d2761456.html


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