Karl-Heinz Gimbel - Marburger Oberbürgermeister
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Die Marburger Oberbürgermeister

Die Stadtoberhäupter von Marburg
im 19.und 20. Jahrhundert

  • Walter Voss

    Oberbürgermeisterlose Zeit von 1939 bis 1942

    Walter Voss als kommissarischer Oberbürgermeister von 1942 bis 1945


    Die Amtszeiten des (kommissarischen) Oberbürgermeisters Walter Voß in Marburg fielen in die Zeit der Diktatur der NSDAP. Voss war seit 1923 Bürgermeister der Stadt und 1933 nach der Absetzung von Johannes Müller oberster Leiter der Stadtbehörde geworden. 1934 wurde Dr. Scheller Oberbürgermeister und Voß blieb Bürgermeister. Nach der Einberufung von Oberbürgermeister Dr. Scheller zum Kriegsdienst war Voss erneut ab 1939 oberster Beamter der Stadt. Den Titel Oberbürgermeister erhielt er jedoch erst im Jahr 1944, zudem nur mit dem Zusatz „Kommissarischer Oberbürgermeister“.

    Der Lebenslauf von Walter Voß

    Walter Voß wurde am 26. April 1885 in Neuschloss bei Lampertheim (damals Großherzogtum Hessen) geboren. Nach dem Abitur am Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Frankfurt studierte der Corpsstudent Jura an den Universitäten Erlangen, Göttingen und Gießen, wo er 1909 das Referendar-Examen bestand. Nach seiner Referendarzeit in Darmstadt legte er 1914 das Assessorexamen mit der Note „Im ganzen gut“ ab und erwarb damit die Befähigung zum Richteramt und höheren Verwaltungsdienst.

    Von 1909 bis 1910 hatte er als Einjähriger seinen Wehrdienst bei Hessischen Infanterie-Regiment Nr. 118 in Worms abgeleitet. Er rückte bei Kriegsbeginn ein, war nach seiner Verwundung im Jahr 1915 nicht mehr „k. v.“.

    Ab Oktober 1915 fand er eine richterliche Beschäftigung im Osten des Deutschen Reiches bis 1920. Er schied danach aus dem Staatsdienst aus und betätigte sich anschließend in einer Rechtsanwaltschaft. Bei seiner Betätigung in einer Kanzlei in Wismar/Mecklenburg-Schwerin war sein Betätigungsfeld vor allem Mietsachen, Arbeitsrecht und Strafsachen.

    Ende 1922 bewarb sich Walter Voß erfolgreich auf eine von der Universitätsstadt Marburg ausgeschriebene Stelle als Magistrats-Assessor. Nachdem der Magistrat ein Jahr später davon Kenntnis erhielt, dass er aussichtsreicher Bewerber für die Position eines Stadtsyndikus´ in Guben war, wurde seine Stelle in das Beamtenverhältnis übernommen.

    Ab 1923 war Voß in Marburg tätig

    Am 1.10.1923 wird Voß Magistratsrat der Stadt Marburg und wird 1927 von der Stadtverordnetenversammlung zum besoldeten Beigeordneten mit der Bezeichnung „2. Bürgermeister“ gewählt. Satzungsgemäß versah er die Dienste des Stadtkämmerers. Politisch engagiert sich Voss ab 1925 in der DVP (Deutsche Volkspartei).

    Nach dem hohen Wahlsieg der NSDAP in Marburg im Jahr 1933 wird der gewählte Oberbürgermeister Johannes Müller gesetzeswidrig entlassen. Müller hatte sich mehrfach mit einigen Maßnahmen gegen die NSDAP und deren Vorgehen gestellt. Nach dem Ausscheiden von Müller übertrugen die Nationalsozialisten Walter Voss die Leitung im Rathaus. Ein neuer Oberbürgermeister wurde mit Dr. Ernst Scheller erst im Jahr 1934 gewählt.

    Am 7. April 1933 trat Voß aus der DVP aus und Ende April 1933 in die NSDAP ein. Auf Ersuchen des Regierungspräsidenten Kassel um Mitgliedsnummer der NSDAP und Angabe des Wohnsitzes gab Voß im Jahr 1938 an: NSDAP # 2828843, Wohnung Adolf-Hitler-Platz 13 II (vom Jan. 1932 – Okt. 1934) und Orleansstraße 1 I (24.10.1934 – heute).

    Zusätzlich wurde Walter Voß in 1933 „Förderndes Mitglied der SS“ und Mitglied in weiteren der NSDAP angeschlossenen Organisationen. Dies geht aus seinen persönlichen Eintragungen in zwei ihm vorgelegten Formblättern - zuletzt 1938 - hervor (übernommen aus Stadtarchiv Marburg, Personalakte Walter Voss, Pa 822/1 und /2).

    Die Zusammenarbeit des Oberbürgermeisters mit dem Bürgermeister

    Die Zusammenarbeit von Voß mit dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister muss nach anfänglichen Problemen durchaus positiv angesehen werden, zumal Dr. Scheller sich offensichtlich in erster Linie als Vertreter der Belange der Universitätsstadt sah und nicht als Vertreter der Partei. Allerdings war Voss in der Stadt angesehen als der Arbeiter im Rathaus, der sämtliche Anordnungen der Parteiführer umsetzen musste.

    Zu den Aufgaben von Voß gehörte die Information der städtischen Dienststellen über die Verfügung zu „Bekämpfung des sogenannten Miesmachertums“. Dies sei die Fortsetzung der marxistischen Hetze, Miesmacher seien unverzüglich namhaft zu machen. Ebenso die Anordnungen, dass Angestellte und Arbeiter der Stadt sollten sofort aus SPD auszutreten hatten.

    Für die Einführung des Hitlergrußes, einem Erlass vom 20. Juli 1933 galt ab sofort:

    1) Hitlergruß bei Deutschem und Horst-Wessel-Lied für alle, auch ohne Mitgliedschaft NSDAP
    2) Sämtliche Beamten, Angestellten und Arbeiter der Behörden grüßen im Dienst und innerhalb der dienstlichen Gebäude durch Erhebendes rechten Armes. Es wird von den Beamten erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen.

    Nicht aufzuklären sind die Beweggründe auf die am 2. November 1936 erfolgte Verheiratung und die wenige Monate später am 29. Juli 1937 für „nichtig“ erklärten Eheschließung von Walter Voß. Auf dem im Jahr 1937 ausgegebenen Fragebogen bezüglich Ariernachweis hatte Voss in Bezug auf seine Ehefrau (Geburtsurkunde ihres Vaters) einige Lücken gelassen. Es heißt daraufhin: „Der Fragebogen Formblatt 2 bedarf in Bezug auf einige Daten noch der Vervollständigung“.

    Wenig später erfolgte die Eintragung: „Die Ehe des Bürgermeister Voß ist inzwischen für ungültig erklärt. Es bedarf somit der Vervollständigung des Fragebogens 2 nicht mehr“. Und auf dem gleichen Blatt ist handschriftlich durch Dr. Scheller der Nachtrag zu lesen: „Die Angelegenheit kann vorläufig auf sich beruhen“. Inwieweit ein fehlender oder nicht möglicher Ariernachweis für die Familie der Ehefrau für die „Nichtigkeitserklärung“ der Ehe von Walter Voß eine Rolle spielte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären.

    Walter Voß als Schulungsleiter der Partei

    Voß führte zudem ab 1934 Schulungen für kommunale Beamte im Kreis aus, um sie mit der Neuordnung der kommunalen Selbstverwaltung bekannt zu machen.

    Die von Walter Voß vorgetragenen Thesen waren u. a.: „Zur Zeit der Weimarer Republik habe die Selbstverwaltung in jeder Beziehung gründlich versagt.“ In der Selbstveraltung des nationalsozialistischen Staates gelte die unbeschränkte Führerverantwortlichkeit. Beschlüsse einer Vertretungskörperschaft gebe es nicht mehr. Beigeordnete im Magistrat (als Beispiel) seien demgemäß nicht mehr beigeordnet, sondern nachgeordnet. Gemeinderäte und Beiräte bildeten kein Gremium, sie wären nur als Einzelpersonen tätig.

    Sie könnten als Gremium nicht beschließen oder abstimmen und hätten auch kein Kontrollrecht. Und weiterhin führte Voss aus: „Sie hätten sich nicht, wie es die Stadtverordnetenversammlung es oft getan hätte, als Gegenspieler der Gemeindeverwaltung insbesondere ihres Leiters zu fühlen.“ Die Sitzungen wären nicht öffentlich. Die Mitglieder der Gemeinderäte würden vom Gauleiter ernannt. … (aus: Oberhessische Zeitung, 2. Februar 1934)

    Differenzen zwischen den Amtsträgern der Stadt und den Parteiführern

    Mit Oberbürgermeister Dr. Scheller, der sich nach Amtsantritt 1934 vor allem als Vertreter der Stadt und ihrer Interessen und nicht in erster Linie als Parteiführer gezeigt hatte, muss Walter Voß den Umständen entsprechend gut zusammengearbeitet haben. Für beide standen die Belange der Stadt an erster Stelle gegenüber Parteivorgaben bei geforderten Übernahmen von „alten Kämpfern“ in Dienststellen der Stadt.

    Hier blieben beide oft erfolgreich im Widerstand gegen die Hoheitsträger der Partei. Dr. Scheller und Walter Voß müssen, so lassen viele akteneinträge erkennen, gut zusammengearbeitet haben und dies vor allem, wenn es um die Belange der Stadt ging und man sich gegen die Interessen der Hoheitsträger der Partei durchsetzen musste. Diese Gegensätze traten mehrmals im Schriftverkehr zu Tage.

    Walter Voß ist alleiniger Leiter der Stadtbehörde nach dem Tod von Dr. Scheller

    1939 war Oberbürgermeister Dr. Scheller sofort zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Walter Voss war dabei Dienstherr im Rathaus. Als Dr. Scheller 1942 auf der Krim einer Kriegsverwundung erlag, war Voss auch nominell Stadtoberhaupt von Marburg. Zu dem persönlichen Verhältnis von Dr. Scheller und Voss ist auch nach 1939 nichts Negatives zu erkennen. Aus dem vorliegenden Schriftverkehr persönlicher Art nach Einberufung des Oberbürgermeisters zum Heer kam es an keiner Stelle zu einem wie immer geartetes Zerwürfnis von Voss zu seinem Vorgesetzten. So gelang es Voß, den Kriegsteilnehmer Dr. Scheller zu einem mehrmonatigen "Urlaub" nach Marburg zu holen, um mit ihm wichtige Dienstgeschäfte zu erledigen.

    In dem sechsseitigen Trauerschreiben an Dr. Schellers Schwester formulierte Walter Voß 1942 am Ende: „Seine Briefe beweisen uns, dass ihm Marburg am Herzen lag, er fragte stets nach den Belangen der Stadt, um die er sich sorgte, fragte, in denen er sich nach dem Ergehen eines jeden einzelnen von uns erkundigte … Das sind wir dem Toten schuldig … dem allseits gütigen und treusorgenden Vorgesetzten und Freunde, der immer fortleben wird in unserem Herzen und ein stets treuer und guter Kamerad.“

    Für Dr. Scheller gab es keinen Nachfolger. Die Besetzung der Stelle wurde auf die Zeit nach Kriegsende verschoben. Bürgermeister Voss blieb bis 1945 Leiter der Stadtverwaltung. Am 17. März 1944 wurde er durch Verfügung des Regierungspräsidenten als „Kommissarischer Oberbürgermeister“ eingesetzt. Dienststellung und Dienstbezüge änderten sich jedoch für Voss nicht.

    Die letzten verbliebenen Juden werden aus Marburg deportiert

    Inwieweit Voss in den Verfolgungen gegen die Marburger Juden tätig war, beispielsweise beim Zwangsverkauf der jüdischen Grundstücke, ist nicht belegbar. Einbezogen waren die städtischen Behörden jedoch auf jeden Fall. Auch für die Ausquartierung und Sammlung der allerdings nur noch wenigen Marburger Juden bis zum Abtransport fiel unter die Leitung der Stadtverwaltung Marburg. Entgegengetreten muss dabei jedoch der manchmal von Unwissenden vertretenen Meinung, dass alle Marburger Bürger von den Geschehnissen um die Judendeportation gewusst hätten.

    Am 22. Juni 1942 hatte Jakob Schneider für seine Baufirma in einem Schreiben an Oberbürgermeister Voß darum gebeten, die die Beschäftigung von sechs ihm zur Zwangsarbeit zugeteilten Juden zu verlängern. Er bat darum, die drei Marburger Gottfried Goldschmidt und Ludwig und Walter Kanter sowie die aus Fronhausen stammenden Rosenberg, Stern und Hess „nicht für den nächsten Abtransport“ vorzusehen. Die Antwort von Voß ist nicht bekannt. Die letzten noch in Marburg befindlichen Juden wurden am 30. Mai 1942 vom Marburger Hauptbahnhof deportiert.

    In der Presse wurden über diese Maßnahmen keine Mitteilungen verbreitet. Das Herrschaftswissen der Beteiligten blieb geheim. „Weitererzählen“ war streng untersagt und die Weitergabe von Informationen wurde verfolgt. Die heute aus dem Studium der Akten mögliche Rekonstruktion der damaligen Ereignisse belegt nicht den Wissensstand der damaligen Marburger Bevölkerung. Das Wissen über diese Ereignisse hatten die Personen aus dem Bereich der Herrschenden und diejenigen, die aus der Verwaltung, die mit der Ausführung der Maßnahmen beauftragt waren.

    Weitere ausführliche Informationen zu diesem Bericht im Internet:

    http://www.myheimat.de/marburg/politik/marburger-oberbuergermeister-teil-9-walter-voss-1939-1945-d2763020.html


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