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Hofkünstler Lucas Strack-Bellachini




Kleine Reihe von Marburg, Band 7:

Der Marburger Bellachini

Erinnerungen an Lucas Strack-Bellachini (1861-1930)


Als Broschüre im Buchhandel mit dem Verkaufspreis von 4,80 Euro:
60 Seiten, Format DIN A5, viele Abbildungen



Vorwort
Siebzig Jahre nach seinem Tode ist ein Mensch vergessen, so heißt es. Nur Namen von Außergewöhnlichen bleiben der Nachwelt erhalten. Früher waren es vor allem Herrscher, die ein Reich gründeten oder in großen Schlachten siegreich waren. Die Verlierer treten dabei jeweils in den Hintergrund. In den Zeiten, in denen schriftliche Überlieferungen mit vielfacher Verbreitung möglich wurden, blieben Werke von bedeutenden Dichtern, Komponisten und Wissenschaftlern erhalten. Ihr Andenken war damit gesichert. Oft traf diese mit ihren Werken erst der Nachruhm.

Anders erging es denjenigen, die in früheren Zeiten durch ihre gekonnten Darbietungen hohe Aufmerksamkeit erreichten. Sie begeisterten ihre Anhänger durch beste Unterhaltung. Doch der Augenblicksruhm konnte nicht überdauern, (noch) nicht konserviert werden. Der Spruch Er singt wie Caruso zeigt, wie vergänglich Berühmtheit sein kann. Jedermann wusste noch vor einigen Jahrzehnten, wer und was damit gemeint war. Doch dieser Glanz ist vergänglich. Die Zeit geht darüber hinweg. Der Marburger Bellachini, Zauberkünstler und Magier, galt als der Beste oder zumindest als einer der Besten seines Genres.

Wer damals vom Marburger Bellachini sprach und Geschichten von ihm erzählte, drückte damit zugleich seinen Stolz auf die große Bekanntheit und das unvergleichliche Können des Meisters aus. Für die Marburger war Lucas Strack ihr Bellachini. Und mit der für ihn benutzten Bezeichnung Der Marburger Bellachini trug er den Namen seiner Heimatstadt durch ganz Europa. Er war in den Jahrzehnten um 1900 unzweifelhaft der berühmteste Marburger überhaupt.

Noch eine Bemerkung: Denjenigen, die in ihrer Jugend nicht in den Marburger Gassen gespielt haben, muss erklärt werden, dass man Bellachini mit einem stimmlosen ch wie in Buch ausspricht - nicht nach italienischen Regeln. Lucas Strack-Bellachini wurde 1930 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Marburger Hauptfriedhof an der Ockershäuser Allee beigesetzt. Sein Grab wurde später aufgelöst, aber der Grabstein wurde aufbewahrt. Ansonsten gibt es in seiner Heimatstadt keine wei-teren ehrenhaften Hinweise auf den einst berühmtesten Sohn der Uni-versitätsstadt. Für den Marburger Friedhof gibt eine dankenswerterweise erstellte Auflistung von Persönlichkeiten, die dort begraben sind.

Der Hinweis auf den Grabstein des 1930 verstorbenen Hofzauberkünstlers ist auf der Liste nicht zu finden. Neapel, die Heimatstadt von Enrico Caruso, erinnert sich gerne mit Hinweisen an den ansonsten über Neapel hinaus in der Versenkung verschwundenen ehemals berühmten Sohn der Stadt.

Dieser kleine Band soll dazu beitragen, dass heute, mehr als siebzig Jahre nach seinem Tode, die Geschichten und Erfolge des einst europaweit bekannten Varietisten Lucas Strack-Bellachini in seiner Heimatstadt nicht in Vergessenheit geraten und das Andenken bewahrt bleibt.

Der Autor

Marburg, im November 2013

P. S.

Der Autor selbst hat persönliche Erinnerungen an Bellachini. Mein Vater, Jahrgang 1890, erzählte mir oft, wenn die Sprache auf den Zauberkünstler kam, von seinen Erlebnissen mit ihm. Beide waren in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg Mitglieder im Gesangverein Liederkranz.

Dieser hielt seine Singstunden in der Gaststätte Lahnlust am Wehrdaer Weg ab. Das Wohnhaus von Bellachini lag fast gegenüber. Wenn mein Vater am Ende der Übungsstunde von Bellachini gefragt wurde: "Wie-viel Uhr ist es denn?", dann war klar, dass er selbst die Uhr vorher mit einem Ablenkungsmanövern an sich genommen hatte. Er gab sie wie immer lachend zurück und freute sich über seinen Schabernack. Weitere Geschichten des Zauberkünstlers machten immer die Runde. Sie dürfen nicht vergessen werden.

Marburg, im November 2013


Kapitel 1
Kaspar Ludwig Strack wird 1861 in Ebsdorf geboren
Geboren wurde der später berühmte Zauberer am 23. April 1861 in Ebsdorf im Kreis Marburg als Kaspar Ludwig Strack - wie es die Geburts- und Sterbeurkunde verzeichnet. Auf seinem Grabstein ist der Name Strack-Bellachini eingraviert. So nannte er sich als Zauberkünstler. Bis zu seinem Tode blieb er bei dieser Namensgebung.

Seinen Vornamen gab er bereits in jungen Jahren entgegen der offiziellen Schreibweise mit Lucas an, manchmal auch Lukas geschrieben. Den großen Bekanntheitsgrad mit seinen Auftritten in ganz Europa erreichte Lucas Strack-Bellachini mit der Bezeichnung "Der Marburger Bellachini". Für die Marburger war er bis zum Lebensende und darüber hinaus kurz und bündig der "Bellachini".

Die Familiengeschichte stellt sich sehr verzweigt dar. Der Großvater von Lucas Strack hatte zweimal geheiratet. Der Vater Johann Strack (1829-1906), von Beruf Schuhmacher, war ein Sohn aus der ersten Ehe. Die Kinder der zweiten Ehe sollen über dreißig Jahre jünger gewesen sein. Die Mutter von Lucas war Hennriette Luckhardt (1829-1907).

Über den Vater von Strack-Bellachini berichtet sein Enkel Ludwig in einer eigenhändigen Aufzeichnung folgendes: Johann Strack hätte 1848 nach den damaligen politischen Unruhen nach England fliehen müssen und sei erst sechs Jahre später - also sieben Jahre vor der Geburt von Lucas Strack - wieder zurückgekommen.

Das Geburtshaus von Lucas in Ebsdorf dürfte das in den Urkunden als Haus Nr. 73 aufgeführte gewesen sein. Dieses Haus wurde offenbar um 1875 abgerissen. Zu dieser Zeit war Johann Strack mit seiner Familie bereits nach Marburg übergesiedelt.

In dem Haus, das an gleicher Stelle errichtet und seit 1875 in der Chronik dort als Haus Nr. 113 geführt wird, wohnten seine Verwandten. Für die heute dort wohnende Familie Lemmer ist der Dorfname Strack gebräuchlich.

Ebsdorf im 19. Jahrhundert

Um das Lebenswerk des Hofzauberkünstlers Strack-Bellachini würdigen zu können, ist es notwendig, sich zu vergegenwärtigen, welchen Situationen er als Knabe in einem kleinen Dorf im Kreis Marburg im 19. Jahrhundert ausgesetzt war. Die Bedingungen auf dem Lande waren in der Kaiserzeit noch sehr hart. Die vielzitierte gute, alte Zeit fand dort nur ausnahmsweise statt.

Die Gemeinde Ebsdorf liegt bevorzugt in einem Landstrich mit ringsum fruchtbaren Böden. In der Gemeinde gab es sicherlich reichere Bauern als in den meisten anderen Dörfern im Kreis Marburg. Doch musste auch in Ebsdorf jeder um sein Auskommen kämpfen.

Die Familie Strack gehörte nicht zu den Vermögenden im Dorf. In der Familie Strack kommen mehrere Schuhmacher vor. Bis 1900 sind die Verwandten von Lucas Strack mehrfach mit diesem Beruf verzeichnet.

Schuhmacher war im 19. Jahrhundert einer der meistgenannten Berufe in der Aufzählung der Handwerker eines Dorfes oder einer Stadt. Im kleinen Dorf Ebsdorf wurden in einer Aufstellung der Berufstätigkeiten für die Zeit nach 1850 alleine sieben Schuhmacher genannt.

Dahinter rangierten sechs Maurer, vier Leineweber und drei Wagner. Die Mehrheit der in Lohn Beschäftigten dienten jedoch bei den Bauern als Knecht - oder sie suchten als Landarbeiter eine Tätigkeit. Bargeld gab es selten. Zumeist wurde der Lohn in Naturalien ausgezahlt.

Die reichen Bauern bestimmten das Leben im Dorf. Sie gaben den Ton an. Aber für alle galt: Was auf den Feldern erarbeitet, als Vieh angefüttert, als Früchte im Garten oder von Bäumen am Feldesrand geerntet wurde, musste zugleich in mühsamer Arbeit für die Winterzeit eingekocht, gepökelt oder auf vielfältige andere Weise haltbar gemacht werden. Jeder musste autark wirtschaften.

Auf den Feldern angebaut wurde meist der mannshoch stehende Roggen oder Hanf. Heute sind diese Felder nicht mehr anzutreffen. Diese Lebenswelt ist untergegangen. Fiel durch eine Missernte, ein Unwetter - was in den Chroniken für fast jedes Jahrzehnt verzeichnet war - oder ein Unglück ein Teil der Vorratsbeschaffung aus, so war Hungern angesagt.

Im Wechsel der Jahreszeiten gab es mehrere Festtage, sowohl von der Kirche festgelegt als auch aus anderen Anlässen. Rituale bestimmten den Jahresablauf. Ein Viehmarkt war in Ebsdorf Tradition. Die Kinder konnten sich Kleingeld verdienen durch das Sammeln von Tannäpfeln und Heidelbeeren und dieses dann an einem Stand gegen Zockerstee eintauschen.

In den Häusern wurden in dieser längst vergangenen Zeit die Fußböden mit Streusand hell geschrubbt. Einen Anstrich mit Farbe gab es noch nicht. Jedermann trug die Dorftracht. Schuhe wurden nur an Festtagen angezogen und wenn man in die Kirche ging. Dort saß man auf den Kirchenbänken immer am gleichen Platz.

Ansonsten wurde barfuß gelaufen. Die Fußsohlen der Kinder waren hart von den Schwielen, so dass die Jungen und Mädchen ohne Schuhe über die Stoppeläcker laufen konnten. Jedes Jahr im Herbst wurden nach der Ernte von den ärmeren Dorfbewohnern die noch auf den Fel-dern umher liegenden restlichen Ähren eingesammelt.

In einigen Dörfern gab es Pferdebauern, ansonsten herrschte die Unterteilung in Kuhbauern und Ziegenbauern vor. Im verhältnismäßig reichen Ebsdorf waren wohl die meisten Bauern als Kuhbauern zu be-zeichnen. Sie hoben sich von den Ziegenbauern ab.

Gebacken wurde am heimischen Herd oder im Dorfbackhaus. Jedes Haus hatte eine Pumpe, woraus das Wasser geholt wurde. Das von den Feldern geerntete Flachs wurde von den Leinewebern verarbeitet. Das grobe Leinen wurde in engen Stuben und Kammern verfeinert. Die Wolle der Schafe wurde im Winter in Spinnstuben zu Garn gedreht. Beim Schlachten benutzten die Bauern große Kupferkessel, in denen Fleisch und Wurst gekocht wurde. Die Nachrichten im Ort wurden durch einen Ausrufer bekannt gegeben. An festgelegten Stellen wurden die Neuigkeiten unter die Leute gebracht. Mit dem Schwingen der Schelle kam man rasch aus den Häusern auf die nach Regenfällen oft morastigen Wege. Ansonsten wurde die Ruhe im Dorf nicht gestört. Es gab noch keine Maschinen. Nur das Gackern der Hühner und Gänse oder machmal das Hämmern am Amboss war zu hören.

Politische Einflüsse fließen auf den jungen Lucas ein

Von der Kindheit in Ebsdorf und den ersten Jahren der Schulzeit des Lucas Strack sind keine Dokumente oder Berichte überliefert. Zu Hause hat er wohl oft genug von den Erlebnissen seines Vaters mit seiner Flucht 1848 nach England zu hören bekommen. Dies muss prägend gewesen sein für sein späteres politisches Engagement.

Es waren dies die Erzählungen von den Kämpfen des Vaters im Revolutionsjahr, das Eintreten für die reichsdeutschen Strömungen, die Aus-wirkungen der Gegenrevolution und die anschließenden Verfolgungen. Die Wirkungen dieser Berichte auf ein Kind können nicht überschätzt werden. Man muss davon ausgehen, dass Lucas ein aufgeweckter Junge gewesen ist. Ihm wird kaum entgangen sein, dass die meisten Bauern beim Verkauf ihres Viehs ihr Übel in den jüdischen Viehhändlern sahen. Diese hatten den dörflichen Viehhandel weitgehend beherrscht.

Oft genug wird sich ein Bauer nach dem Verkauf seines Viehs - ob zu Recht oder nicht - über den schlechten Preis beklagt haben. Die Minderheitsstellung der Juden, die seit jeher in Anklage standen, beförderte noch die Verdächtigungen.

Von Ebsdorf nach Marburg

Um Waren zu verkaufen, liefen die Bauern nach Marburg zum dortigen Markt. Jeden Samstag - später auch jeden Mittwoch - war in der Stadt Markttag. Zu dieser Zeit bedeutete der Weg von Ebsdorf nach Marburg einen fast zehn Kilometer langen Fußmarsch über den Frauenberg. Die Kreisbahn, welche den Weg nach Marburg später bequemlicher machte, wurde erst Jahrzehnte später in Betrieb genommen.

War man auf der Höhe des Frauenbergs angelangt, führte der Fußweg abwärts nach Cappel. Das Hausdorf von Marburg wurde oberhalb umgangen. Weiter ging es danach über den Alten Ebsdorfer Weg bis zur Cappeler Höhe. Hier war man schon in Marburg und das Schloss lag fast greifbar vor einem. Weiter ging der Weg bergab über den Bahnübergang bis nach Weidenhausen. Der Marktplatz, die Mitte von Marburg, wurde erreicht über die Lahnbrücke und den Hirschberg hinauf.

Diesen Weg nahm die Familie Johann Strack mit ihrem gesamten Hausrat auf einem Leiterwagen geladen auf sich, um nach Marburg umzusiedeln. Als die Familie in Marburg angekommen war, sollte diese kleine Stadt für immer ihre Bleibe sein. Marburg war von nun an der Lebensmittelpunkt von Lucas Strack. Folgerichtig wurde er wenige Jahre später mit dem Namen der Universitätsstadt an der Lahn verbunden. Nachdem er durch seine Erfolge im Deutschen Reich und darüber hinaus bekannt wurde, beschrieb man ihn als den Marburger Bellachini. Lucas Strack trug den Namen von Marburg durch ganz Europa.


Kapitel 2
Lucas Strack wird Stadtkapellmeister in Marburg
Schuhmachermeister Johann Strack war spätestens im Jahr 1872 oder 1873 mit seiner Familie von Ebsdorf nach Marburg gezogen. Vater Strack muss sich keine gute Zukunft mehr in Ebsdorf erhofft haben. Wahrscheinlich hatte Lucas noch in Marburg die letzten Jahre seiner Schulzeit verbracht. Die erste Aufzeichnung im Adressbuch von Marburg für Strack, Schuhmacher erscheint 18744. Angegeben als Adresse ist Haus-Nr. 126 (später bezeichnet als Nicolaistraße 8).

Für den kaum mehr als zehn Jahre alten Lucas Strack muss der Umzug vom Dorf in eine – wenn auch noch so kleine – Stadt wie Marburg5 ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein. In Marburg gab es viele seit Jahrhunderten eingefahrene Abläufe und städtische Einrichtungen. Den musisch begabten jungen Mann dürften vor allem die bestehenden kulturellen Strukturen interessiert haben: die Gesangvereine, die privaten Musiker und Musikkapellen, die zahlreichen Auftritte der Militärkapelle des 11. Hessischen Jägerbataillons und die Festveranstaltungen der vielen Vereine in den reichhaltig vorhandenen Wirtschaften. Die Bürgerschaft mit den Studenten und deren Universitätslehrern hatte viel zu feiern.

Meist gab es zuerst ein Konzert und danach spielten die Kapellen zum Tanzkränzchen auf. Außer zu den Gaststätten in Marburg zogen die Bürger und Studenten gerne in die Wirtschaften der Hausdörfer mit ihren Gärten: nach Ockershausen zu Ruppersberg oder nach Wehrda in den Lahngarten. Ein begabter Musiker war dabei sicherlich gefragt. Lucas muss sich umgehend noch sehr jung an Jahren mit seiner musikalischen Begabung den ortsansässigen Musikern angeschlossen und Erfolg gehabt haben.

Vater Johann Strack hatte es mit seinem Beruf als Schuhmacher in Marburg mit Sicherheit schwerer, um hier Fuß fassen. Immerhin gab es in Marburg zu dieser Zeit etwa einhundert Schuhmacher.



Markt 23 - eines der von Lucas Strack in Marburg bewohnten Gebäude


(wird vervollständigt)
Kapitel 3
Der Marburger Bellachini wird Hofzauberkünstler
Lucas Strack hatte in wenigen Jahren seine Fertigkeiten mit viel Ehrgeiz und Tatkraft perfektioniert. Seine Darstellungen waren phantastisch und überzeugend zugleich. Er wurde zu dem erfolgreichen Künstler. Zudem half ihm seine enorme Ausstrahlung, sein Charisma. Lucas Strack konnte die Menschen begeistern und – wenn es darauf ankam – auch an der Nase herumführen. Von Beginn an wurde die Bewunderung und Faszination noch gesteigert durch sein perfektes Geigenspiel. Er beherrschte dieses Instrument virtuos.



Marburg hatte er wahrscheinlich noch vor 1885 verlassen, um seine erste Anstellung als Musiker und Zauberer bei Ernst Basch10 anzutreten. Angestellt bei Basch war er als Kapellmeister, jedoch wird er bald seinen Arbeitgeber mit seinen weiteren Künsten als Zauberer überzeugt haben.

Als Basch sein Geschäft mit dem transportablen Zaubertheater aufgab und sich zurückgezogen hatte, war Strack zu Stelle und erwarb von Basch Geräte und Illusionen. Zu den Erwerbungen von Lucas Strack gehörten beispielsweise Die goldene Fliege, Daphne und Aerolite.

Strack reiste von nun an auf eigene Rechnung. Aber anfangs hatte er wenig Erfolg. Er experimentierte mit Lichteffekten, einer schwarzen Bühne und phosphorisiertem Material, was damals niemand kannte. Nur Knochen wurden an schwarzer Körperbekleidung angestrichen. Sie reflektierten das Licht. Damals konnte sich keiner der Zuschauer das erklären. Er war immer bestrebt, seine Fertigkeiten zu verbessern und neueste technische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse in sein Programm mit einfließen zu lassen.



Urkunde "Hofkünstler" von Herzog Ernst von Sachsen Coburg und Gotha aus dem Jahr 1893


Der 23. November 1886 muss für Strack als Datum für den Durchbruch zu einem angesehenen Zauberer angesehen werden. In Coburg war er zu einer Soiree bei Herzog Ernst von Sachsen, Coburg und Gotha geladen worden. Der Auftritt muss ein überwältigendes Ereignis gewesen sein.

Die ihm darauf ausgestellt Urkunde gibt davon Kenntnis:

Herrn Lucas Strack gab auf besonderem Wunsch Seiner Hoheit des Herzogs, am 23. d. Mts. im Herzoglichen Schlosse Ehrenburg hierselbst vor den Höchsten Herrschaften und einer Anzahl geladener Gäste der Hofgesellschaft eine fast zweistündige Vorstellung als Prestidigitateur mit so ausgezeichnetem Geschick, dass man seine Darbietungen sehr wohl als „Kunstleistungen“ ansehen und bezeichnen kann.
Solches wird hierdurch bescheinigt.

Coburg, d. 25. November 1886

Dieser Erfolg eröffnete ihm Zugang zu höchsten Kreisen im Deutschen Reich. Durchlaucht Herzog Ernst II. von Coburg soll bei einer anderen Soiree Strack den Namen Bellachini vorgeschlagen haben. Strack sei der würdigste Nachfolger von Samuel Berlach11, dem originalen Bellachini.

Bellachinin im Serail

Plakat von Bellachini: Bellachini im Serail


(wird vervollständigt)

Kapitel 4
Die letzten Jahre lebt Lucas Strack-Bellachini in Marburg
Nachdem Lucas Strack-Bellachini im Jahr 1921 entschieden hatte, sich mit seinem Unternehmen Zaubertheater von der Bühne zurückzuziehen, war dies zugleich der Abschied von der nationalen Ebene. Er war weithin mit dem klangvollen Titel Der Marburger Bellachini bekannt geworden und hatte den Namen seiner Heimatstadt überall hingetragen.

Er blieb geschätztes Mitglied der Vereinigung zur Förderung der magischen Kunst (gegründet 1900 von Carl Willmann).

Bellachini wohnte ab 1900 am Wehrdaer Weg 7

Wohnhaus Wehrdaer Weg 7 (von Bellachini gekauft um 1900)


In den folgenden Jahren wohnte er das ganze Jahr über in der Universitätsstadt und wurde für seine Mitbürger der Bellachini. Ihn kannte jeder und jeder war stolz, ihn zu kennen. Angesprochen wurde er meist nur kurz mit seinem Künstlernamen. Er war durch sein Unternehmen zu viel Geld gekommen und war sorgsam damit umgegangen. Bellachini galt als reich. Viele behaupteten von ihm, er sei Millionär.

Abschiedsvorstellung in den Stadtsälen

Für seine Marburger veranstaltete er eine Abschiedsvorstellung in den Stadtsälen – natürlich vor ausverkauftem Haus. Es war dies das Ereignis, von dem die Bewohner von Marburg und Umgebung noch lange berichteten. Hier ein Auszug aus einer Darstellung eines Münchhäuser Jungen von der Abschiedsvorstellung Bellachinis:

1922 gab er altersbedingt in den Stadtsälen seine Abschiedsvorstellung. Mein Vater, der gerne so etwas sah, kaufte, obwohl sonst sparsam, gleich zwei Karten. Als Kleinster durfte ich mit zur Vorstellung. Der Saal war überfüllt. Bellachini zauberte lustig drauflos, die Leute zeigten sich hell begeistert. Aus dem Zylinder kam ein Kaninchen gesprungen, Tauben flatterten durch die Luft, er verblüffte mit Spielkartenkunststücken und mit allerlei Dingen, die Zauberkünstler sonst noch anstellen.

Zum Schluss machte er ein sehr ernstes Gesicht. Was er jetzt vorhabe, hätte auf der ganzen Welt noch keiner fertig gebracht: er wolle ein lebendes Pferd aus seinem Stall auf die Bühne zaubern. Da ging ein Raunen durch den Saal. Er bat um größte Ruhe. Dann wurde das Licht abwechseln hell und dunkel geschaltet, nebenbei lenkte er die Zuschauer durch einige Kunststückchen ab.

Plötzlich stand hinten auf der Bühne ein wunderschönes weißes Pferdchen, nunmehr hell angestrahlt. Laut schrie ich außer mir: „Vater, unser Schimmelchen!“ Auch mein Vater hatte es sofort erkannt. Alle Leute klatschten begeistert Beifall. Einige wurden auf die Bühne gebeten und durften es anfassen – wirklich, es war ein Tier aus Fleisch und Blut.

Vater und ich konnten nicht schnell genug über den Weißen Stein nach Hause laufen, um die Neuigkeit zu erzählen. Schon in der Haustür rief ich erregt: „Bellachini hat unser Schimmelchen auf die Bühne gehext!“ Meine Mutter war ungläubig erstaunt und erfreut zugleich, die Brüder gaben sich eher fachmännisch und lässig. Er hätte das ruhige schwarze Pferd nehmen müssen, das Schimmelchen sei doch zu unruhig.

Später hatte ich Gelegenheit, von der Assistentin ...

(wird vervollständigt)
Anhang
Samuel Berlach war der Bellachini des 19. Jahrhunderts

Der erste populäre Zauberkünstler mit dem Namen Bellachini war der in Polen geborene Samuel Berlach (1828-1885). Schon mit 16 Jahren gab Berlach unter dem Namen Bellachini seine erste große öffentliche Vorstellung. Danach zog er mit großem Erfolg während vierzig Jahren als Jahrmarktszauberer vorwiegend durch Deutschland. Bellachini soll weniger durch eine große Handfertigkeit beeindruckt haben, sondern vor allem durch seine stattliche Erscheinung. Seine Vorführungen begleitete er mit einem humoristischen Redeschwall in gebrochenem Deutsch. Durch die große Zahl von Auftritten wurde er zu einem der beliebtesten und bekanntesten Zauberer der 19. Jahrhunderts.

Quellenlage zu Lucas Strack-Bellachini

Quellenmaterial über Lucas Strack-Bellachini ist kaum zu finden. In den Artistenarchiven ist er aufgeführt als anerkannter und erfolgreicher Magier. Im Artistenarchiv in Marburg finden sich Plakate, Kopien und Niederschriften. Willi Dauzenroth bewahrt die Fundstücke dort auf. Verlässliche Informationen bringt vor allem die Auswertung von Berichten der Lokalzeitungen der Jahrzehnte um 1900.

Staatsarchiv und Stadtarchiv Marburg führen in ihren Akten keine Belege über das Wirken des Zauberkünstlers. Auch in Archiven der Fürstenhöfe, wie in Coburg, wo Lucas Strack wiederholt zu Aufführungen weilte und mehrere Auszeichnungen erhielt, sind Urkunden oder Akten über Lucas Strack-Bellachini nicht auffindbar.

Einige Orden, Urkunden und Plakate finden sich bei den Nachkommen des Künstlers. Urenkel Ernst Strack, wohnhaft in Marburg-Cappel, hat wichtige Auszeichnungen aufbewahrt ...

(wird vervollständigt)

Zur Person des Autors

Der Autor wurde 1940 in Marburg, Ketzerbach 8, geboren. Das Hinterhaus, in dem der Vater eine Werkstatt unterhielt, grenzte an den Totenhof des Michelchens.

Nach dem Studium 1960-63 unterrichtete er als Lehrer in Stadtallendorf und Marburg. Bis zur Pensionierung war er als Direktor an einer Gesamtschule tätig.

Er befasst sich intensiv mit der Marburger Lokalpolitik und Lokalgeschichte. Von 1989 bis bis 1993 war er Stadtverordneter im Stadtparlament von Marburg und von 1997 bis 2001 Abgeordneter im Kreistag des Kreises Marburg-Biedenkopf, jeweils für eine bürgerliche Liste.

Bisherige Publikationen

  • Hans-Christian Sommer/Karl-Heinz Gimbel: Elisabethkirchen weltweit, Marburg 2008 (Bildband)
Seit 2010 erscheinen in unregelmäßigen Abständen Ausgaben der "Kleinen Reihe von Marburg".

Bisher sind erhältlich:

  • Band 1: Das Michelchen, St. Michaelskapelle in Marburg, Marburg 2010, ISBN 978-3-89703-744-4
  • Band 2: Der historische Hirsefeldsteg in Marburg an der Lahn, 1913-2010, Marburg 2010, ISBN 978-89703-749-6
  • Band 3: Marburger Holzbrücken über die Lahn im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Marburg 2010, ISBN 978-89703-756-4
  • Band 4: Die Marburger Straßenbahn, Teil 1: Die Pferdebahn, 1903 - 1911, Marburg 2011, ISBN 978-89703-763-2
  • Band 5: Die Marburger Straßenbahn, Teil 2: Die "Elektrische", 1911 - 1951, Marburg 2011, ISBN 978-89703-772-4
  • Band 6: Der Marburger Kaiser-Wilhelm-Turm, Marburg 2012, ISBN 978-89703-781-6
  • Band 8: Die historische Ketzerbach, Marburg 2013, ISBN 978-89703-802-8
  • Der 2013 herausgebrachte Sonderband "Die Marburger Straßenbahn" ist eine gebundene Ausgabe mit Zusammenfassung der Reihe Nr. 4 und 5.
Veröffentlichungen von Aufsätzen in periodisch erscheinenden Publikationen:
  • Jahrbücher 2012, 2013 und 2015 des Kreises Marburg-Biedenkopf
  • Marburger Beiträge zur hessischen Geschichte, hrsg. vom Marburger Geschichtsverein, Nr. 21
  • Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Band 116


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