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Die historische Ketzerbach



    Vorwort

    Die Ketzerbach im Norden von Marburg ist immer ein herausgehobener Stadtteil von Marburg gewesen. Wer dort aufgewachsen ist, bezeichnet sich als Ketzerbächer - mit Stolz in der Stimme. Doch vielleicht gilt dies nur noch für diejenigen, die auf der schönen Promenade, eingesäumt als Allee von Bäumen, mit Murmeln oder mit dem Ball gespielt haben.

    Der Verfasser dieses Bildbandes hat seine Kindheit dort verbracht, geboren ganz am Beginn der Straße im Haus Ketzerbach 8. Die Spielkameraden von nebenan hießen Fritz, Bernd, Jürgen, Friedrich, Manfred, Rudolf, Volker, alle nahezu im gleichen Alter und fast sämtlich in der gleichen Grundschulklasse versammelt. Dazu kamen die Erlebnisse in der Konfirmandenstunde bei Pfarrer Bücking, die manchmal im Michelchen stattfanden.

    Es sind nicht die großen Persönlichkeiten, die dort gewohnt hatten, von denen wir außer dem berühmten, aber unnahbar gewesenen Emil von Behring kaum etwas wussten. Aber der Vorteil war: In der Grundschule wurde noch Heimatkunde unterrichtet.

    Das öffnete auch den Blick auf die Geschichte der Hl. Elisabeth. Aber auch zu den Bildern von Otto Ubbelohde, dessen Märchenzeichnungen in das Marburger Land zeigten. In dem Schatten der Elisabethkirche - im "Kirchengärtchen" - wurde auf dem dortigen Rasen Fußball gespielt. Am Einfluss des kleinen Ketzerbachs in den Mühlgraben, am "Inselchen", wurden kleine Fische gefangen und Dämme gebaut. Auf die "Minne", so wurde die Augustenruhe genannt, zog man, um im Wald Räuberspiele zu spielen. Im Winter zogen wir mit den Schlitten weiter bis zur Waldbahn auf Elsenhöhe.

    Von der Geschichte der Ketzerbach und von Marburg erfuhren wir durch die Darstellungen in den Festzügen der Stadtteilgemeinden. Zum Bachfest gab es einen großen Festzug, an dem viele von uns teilnahmen. Viel Vorbereitung und Einsatz der Mitglieder der Ketzerbachgesellschaft waren nötig. Die alten Kostümen versetzten uns in vergangene Zeiten.

    Die Promenade ist heute verschwunden. Schon lange hatten dort keine Kinder mehr gespielt. Die schöne Allee ist nur noch Erinnerung. Die alten Zeiten kommen nicht wieder. Aber Bilder können zurückrufen.

    Die alten Straßennamen noch, die alten Gassen,
    Die alten Freunde aber sind nicht mehr.

    Der Autor

    Marburg, im Oktober 2014


    Anmerkung:

    Dieser Fotoband enthält einen kurzen geschichtlichen Abriss. Ein im nächsten Jahr erscheinender Sonderband wird die Chronologie der Ketzerbach und ihre vielfältigen Geschichten ausführlich darstellen.




    Die Ketzerbach

    Die Ketzerbach ist offiziell ein Straßenzug im Nordviertel von Marburg, beginnend an der Elisabethkirche. Das Ende der Straße liegt an der Einmündung der Wilhelm-Roser-Straße, wo der Marbacher Weg beginnt. Die Ketzerbach ist jedoch für ihre Bewohner und für diejenigen, die dort aufgewachsen sind, mehr als ein Straßenname. Wer Heimatgefühl entwickeln kann, ist lebenslang "Ketzerbächer", also ein dauernder Zustand.

    Zum Straßenzug der Ketzerbach gehört die imposante Elisabethkirche. Von der Ketzerbach ist von jeder Stelle der Straße der Blick auf den einmaligen gotische Bau gerichtet, der den gesamten Norden der Stadt überragt.

    Den Beginn und das Ende des Straßenzugs Ketzerbach bilden zwei auffällige Gebäude. Nr. 1 der Straße ist das Hotel zum Ritter, nach dem 2. Weltkrieg wurde es genutzt als Amerikahaus und heute ist hie der Sitz der Stadtbibliothek. Mit Nr. 63 den Abschluss der Ketzerbach bildet das imposante Anatomische Institut, errichtet 1840. Nach Umzug der Anatomie in die Robert-Koch-Straße wurde es Sitz des Zoologischen Instituts und heute gehört es zum Pharmazeutischen Institut der Philipps-Universität.

    Einen weiteren Blickpunkt setzt das Gasthaus Lokomotive gegenüber dem Hotel zum Ritter am Beginn der rechten Häuserseite. Wie der Name sagt, führt das Gebäude den gesamten nördlichen Straßenzug Haus an Haus aneinandergereiht wie Eisenbahnwagen an Eisenbahnwagen an.

    Es heißt - für alle mitgeteilt, die in Marburg neu sind - immer nur "die Ketzerbach", nicht hochdeutsch wie "der Bach". Dies dürfte den Ursprung haben, als auf der Ketzerbach wie in den Orten ringsum das Marburger Platt gesprochen wurde. Da heißt es auch "das Hanne" oder "das Lisbeth".

    Lassen wir dazu die Dichterin Ina Seidel (1885-1974) sprechen, die die einen großen Teil ihrer Kinderjahre in Marburg am Renthof verbrachte:

    "Da hatte ich zunächst zu lernen, dass in Hessen die Mädchen nicht nur gattungsmäßig, sondern auch als Individuen Neutren sind, denn, um nur einige von den Töchtern dieses Hauses zu nennen, so wurden sie bezeichnet als: das Maria, das Fried, das Karla usw. Dafür hieß die Straße, in die von unserer Höhe das Leckergässchen hinunterführte, nicht der, sondern die Ketzerbach, und man hatte zu singen: "Der Ketzerbach (nicht dem Ketzerbach) - ein Hujaja!", was wir mit Begeisterung taten, wenn sich auch unsere niedersächsischen Sprachgewohnheiten erst darauf einstellen mussten …"

    Die Ursprünge der Ketzerbach

    Der Name Ketzerbach erinnert an die Zeit der Ketzerverbrennung durch den Magister Konrad von Marburg. Er war vom Papst beauftragt, den Ketzern nachzuspüren und sie den weltlichen Gerichten zur Bestrafung zu überliefern. So stellt es Wilhelm Bücking (1818-1909) dar. Er war der erste Marburger, der sich intensiv mit der Geschichte seiner Heimatstadt befasst hat. Der Bach, der das Tal über Jahrhunderte offen durchfloss, hatte mehrere Namen. Zuerst heißt er Marbach. In einer anderen Version soll er aus dem Seitental "Brümmelsgraben" mit dem Namen Ketzerbach oder dem Namen Arzbach zur späteren Elisabethkirche geflossen sein.

    Der Streit darüber lässt sich nicht endgültig klären. Es sei denn, es tauchten neue Urkunden aus früher Zeit auf. Heute ist die Sache insoweit geklärt, dass der Bach, der aus der Gemeinde Marbach ins Lahntal fließt, bis zur Einmündung der Wilhelm-Roser-Straße Marbach genannt wird und von da an Ketzerbach heißt. Ungeklärt ist ebenfalls der Beginn der Besiedelung an dem Bachlauf. Die beiden Berge sind er Schlossberg und die Augustenruhe oder "Minne", dem Berg, auf dem die Lützelburg vermutet wird.

    Spätestens jedoch mit der von der Wartburg vertriebenen Landgräfin Elisabeth, die in der Nähe des unteren Bachlaufs eine Lehmhütte für sich erstellen ließ und ein Hospital baute, dürften erste Häuser oder Hütten entstanden sein. Nach der schnellen Heiligsprechung von Elisabeth und dem gleich darauf folgenden Bau der gotischen Kirche waren große Pilgerscharen nach Marburg gekommen.

    Man muss annehmen dürfen, dass hier, ganz in der Nähe der Pilgerstätten, Herbergen für die Pilger entstanden, sicher auch kleine Gewerbe wie Bäcker oder Metzger ihren Verdienst suchten. Zudem waren Unterkünfte für die vielen Handwerker, die am Bau der gotischen Kirche wirkten, notwendig.

    Wann die Ketzerbach ihr heutiges Gesicht erhielt, ist nicht bekannt. Aber erste Karten von Marburg, die als Stadtplan bezeichnet werden können, zeigen aus der Zeit um 1750, also vor 250 Jahren, ziemlich exakt den heutigen Verlauf von Ketzerbach und Zwischenhausen auf. Auch an dem Bach sind teilweise auf beiden Seiten Bäumen verzeichnet.

    Urkundlich erwähnt ist, dass zu Beginn des 14. Jahrhunderts Agnes, verwitwete Burggräfin von Nürnberg und Tochter des Landgrafen Heinrich I. ein Lehen an der Ketzerbach erhielt. Sie ließ dort, wo später das Anatomiege-bäude entstand, den Nürnberger Hof erbauen und dahinter einen Weinberg anlegen. Nach ihrem Tod fiel dieser Bereich an den Deutschen Orden. Bekannt ist, dass im ausgehenden Mittelalter auf der Ketzerbach Reitertur-niere und Fassnachtsveranstaltungen stattfanden.

    Das größte Turnier soll Landgraf Heinrich III. ausgerichtet haben mit Hunderten von Pferden. Später wurden am Bereich um den Bach von den Bewohnern Gärten, Ställe und Miststätten angelegt. Bis 1800 muss die Ketzerbach mit den Obstbäumen, dem Federvieh, den Schweineställen und Jauchelöchern wie ein Dorf gewirkt haben. Ohne gepflasterte Straße und mit offenem Bachlauf, der kein reguläres Bett hatte, bei Regenwetter kein Vergnügen. 1824 wurden vom Magistrat erste Verbesserungen vorgenommen. Der Bach wurde in Mauern gefasst, zwei steinerne einbogige Brücken wurden darüber errichtet, Schweineställe, Obstbäume und Mistestätten wurden entfernt und Abwasserkanäle angelegt. Beiderseits des Bachlaufs wurden Akazien gepflanzt und eine gepflasterte Fahrstraße angelegt. Die Akazien beherrschten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Bild der Ketzerbach.

    Eine erste Überwölbung des Baches geschah um 1830. Das alte Gasthaus zur Krone am Beginn der Ketzerbach wurde abgerissen und als Hotel zum Ritter neu erbaut. Zudem wurde hier ein Teil des Baches überwölbt. Etwa mit dem Bau des Anatomiegebäudes am Ketzerbächer Tor im oberen Teil der Ketzerbach wurde auch dort um 1840 auf einige Meter der Bach bis zur ersten steinernen kleinen Brücke überwölbt.

    Das Töpferhandwerk blühte auf der Ketzerbach

    Zu dieser Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, geriet das Töpferhandwerk in Marburg zu einer besonderen Blüte. Der Großteil der Töpfermeister war auf der Ketzerbach ansässig. Sie saßen dort an ihrer Drehscheibe und formten den Ton aus dem Ebsdorfer Grund. Die Waren wurden unter dem Namen "Marburger Geschirr" verkauft. Die Familien konnten davon leben. Von großem Wohlstand war jedoch keine Rede. Den größten Absatz fand das Geschirr in Hannover, Hamburg und den preußischen Ostseeprovinzen, aber auch in Übersee.

    Paul Weinmeister, 1856 auf der Ketzerbach geboren und später Professor in Leipzig, schrieb in Marburger Platt:

      "Ech sein zwar schond lahng´weck vun Marborg, abber Marborger Dippercher hun ech alzt noch gern in mein´m Haushahlt, un als mer neilich in Marborg ware, kief mäne Frau hortig noch e paar Schoppedippche bäm Ammeheiser, eh´mer abräse thate …

      Se mache se auch hibsch, das häßt, se male Bliemercher un Vegelercher un noch su ´was druff und dah - un dadruff sein se stulz - auch dichterische Sprich´, dä se selber mache thun."


    Das Töpferhandwerk ist auf der Ketzerbach ausgestorben. Lange hielt sich noch die Töpferei Sieglinger. Bekannt bis heute ist die Töpferei Schneider iim Steinweg (seit 1806).

    Denkmal für Kurfürstin Auguste

    Ein Ereignis aus Marburg vom Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die Ketzerbächer bereits vor über 200 Jahren ein Gemeinschaftsgefühl hatten und daraus gute Taten entstanden. Nach den Siegen über die Franzosen wurde aus der Landgrafschaft Hessen ein Kurfürstentum. Hatten schon 1813 die Marburger den Kurfürsten bei seinem ersten Besuch in der Stadt mit einem Fackelzug freundlich aufgenommen, so muss der Empfang der Kürfürstin am 13. Mai 1814 ein denk-würdiges Ereignis gewesen sein. Nach dem Besuch der Elisabethkirche erklomm sie auf damals noch unwegsamem Gelände mit ihrem gesamten Gefolge die Minne, um - wie es heißt - "die reizende Umgebung von dort in Augenschein zu nehmen".

    Danach ließen es sich die Ketzerbächer nicht nehmen, in Erinnerung an dieses Ereignis von einem der ihrem, dem Steinhauermeister Johann Jakob Dauber (1784-1824), einen Gedenkstein in Form einer Pyramide zu erstellen und ihn auf dem Berg aufzustellen. Er heißt seitdem Augustenruhe,

    Die Ketzerbächer Hessen-Preußen

    Die Studentenverbindung der Hessen-Preußen wurde 1857 auf der Ketzerbach in Haus Nr. 8 gegründet. 1884 erbaute die Verbindung ihr Haus oberhalb der St. Michaels-Kapelle . Die Hessen-Preußen und die Ketzerbächer standen seit jeher in enger Verbindung. Sehr viele Pharmazie-Studenten von dem nahe der Ketzerbach gelegenen Institut waren Mitglieder von Hasso-Borussia. Das Lied "O alte Burschenherrlichkeit" wurde auch von den Ket-zerbächern bei gemeinsamen Feiern gerne gesungen. Es hieß: Jeder Ketzerbächer hat ein Schwein, eine Ziege und einen Hessen-Preußen.

    Die Überwölbung der Ketzerbach im Jahr 1859

    Trotz der beiden Teilüberwölbungen des Baches im Bereich der Straße Ketzerbach kam es im Jahr 1837 wie schon mehrmals zuvor bei Starkregen und Wolkenbrüchen zur Überschwemmung der gesamten Straße. Über die Kosten der Aufräumarbeiten und der Säuberung entbrannte ein Streit. Die Überwölbung der gesamten Ketzerbach wurde nun Thema. 1846 ging beim Magistrat eine Petition von 46 Bürgern der Ketzerbach ein, "dem lebensgefährlichen und öffentlichen Anstand zuwiderlaufenden Missstand" ein Ende zu bereiten und den Bach zu überwölben.

    Am 3. August 1847 hatte erneut ein heftiger Gewitterregen den Bach so weit ansteigen lassen, dass sogar die Wassermassen in die Elisabethkirche eingedrungen waren. Auch der Hinweis der Bittschreiber auf dieses Ereignis brachte zunächst keinen Erfolg. Besonders aus der Oberstadt kam großer Widerstand. Erst nachdem 1858 die Ketzerbächer Eigenleistungen zugesagt und sich die Kurfürstliche Regierung in Kassel auf die Seite der Ketzerbä-cher gestellt hatte, konnte im Mai 1859 mit den Arbeiten begonnen werden.

    Bereits am 5. August 1859 war die Überwölbung von der Anatomie bis zum Hotel Ritter auf einer Länge von 187 Metern fertig gestellt. Die Kosten des 12 Fuß breiten Kanals beliefen sich auf 1.580 Taler. Damit war man unter dem Kostenanschlag von 1.780 Talern geblieben. Ein Drittel der Gesamt-ausgaben hatten die Ketzerbächer als Eigenleistung eingebracht.

    Das Gelingen der Überwölbung wurde auf der nun bestehenden Promenade mit einem großen Fest gefeiert. Der Festzug startete um 3 Uhr am Bahnhof, zog dann zur Ketzerbach hinauf und hinunter. Nach Böllerschüssen und Festreden und dem Abmarsch unter dem beim Hotel Ritter errichteten Triumphbogen hindurch ging es zum Tanzplatz, hergerichtet auf einer Wiese auf dem Afföller.

    Wortlaut des damals auf der Ketzerbach angebrachten Transparentes:

      Nun ist das große Werk vollbracht,
      Das soviel böses Blut gemacht;
      Das sich nur ließ nach langem Ringen
      Durch festen Sinn zu Stande bringen
      Es sieht doch wohl ein jeder ein,
      Daß es nicht konnte anders sein;
      Drum wollen wir dem Himmel danken
      Und wollen uns nicht weiter zanken.

      Liegt auch der alte Ketzerbach
      Begraben unterm Wölbungsdach!
      Sein Name soll nicht untergehen,
      So lange noch ein Haus wird stehen
      Der Straße, die zu Marburgs Zier
      Allmählich sich wird bilden hier.
      Uns aber lasst bei frohem Treiben,
      stets einig, Ketzerbächer bleiben.


    Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg - die Ketzerbachschule

    Ab 1859 feierten die Ketzerbächer zunächst alle vier Jahre und dann in größeren Abständen die Erinnerung an die gelungene Überwölbung mit einem Bachfest. Lange vor den Festlichkeiten bereitete jeweils ein Komitee das Fest vor. Ein großer Festzug führte die Bürger zum jeweiligen Festplatz.

    Dieser lag mal am Kalten Frosch oder auf den Wiesen im Afföller, am Orten-berg oder am Kurhaus Marbach. Die Feierlichkeiten stellten immer ein Großereignis für die Stadt dar. Mit der Zeit bildete sich statt jeweils ein neues Komitee ein Bürgerschaftsverein in der Ketzerbach, die Ketzerbach-Gesellschaft. Sie besteht noch heute.

    Bis im Jahr 1893 auf der Ketzerbach ein neues Schulgebäude (Nr. 31, verbunden mit Grundstück Zwischenhausen 16) erstellt wurde, hatten die Ketzerbach-Schulkinder jeden Tag den Weg in die Oberstadt zum Kilian zurückzulegen. Wie bei der Überwölbung gab es zuerst große Widerstände aus anderen Stadtquartieren gegen die neue Schule im 3. Quartier zu überwinden. Deshalb geriet schon das Richtfest am 10. August 1893 zu einer großen Feier der Ketzerbachgemeinde, dessen Ausrichtung ein Komitee in die Hand genommen hatte.

    Bereits 1905 wurde die Ketzerbachschule wieder aufgegeben. Denn in diesem Jahr war an der Uferstraße die große Nordschule ihrer Bestimmung übergeben worden. Das Gebäude der Ketzerbachschule übernahm die Universität. Die Zahnklinik wurde dort untergebracht und später andere Kliniken. Seit 1987 ist der Bau Sitz der rührigen Ketzerbachgesellschaft, die ihren Bereich mit Eigenleistungen gestaltet hatte.

    Die Zeit des Ersten Weltkriegs und noch mehr die Jahre danach waren schwere Jahre. Wie groß der Einschnitt Kriegsbeginn war, zeigt, dass das für den 2. und 3. August 1914 vorbereitete Bachfest kurzfristig abgesagt werden musste. Und dies, obwohl schon K ostüme und Kleider genäht, der Tanzboden aufgestellt und die Kuchen gebacken waren.

    Doch es kamen noch schlimmere Zeiten. Da kam es den Ketzerbächern mildernd zugute, dass die meisten Bewohner Gärten hinter dem Haus, am Weinberg oder am Grassenberg hatten und mit der Ernte Selbstversorger sein konnten. Nach dem im Jahr 1914 abgesagten Bachfest kam es erst im Jahr 1929 zur nächsten Festveranstaltung.

    Die Nazizeit

    In der Nazizeit mussten die Ketzerbächer ihre Häuser, die bei den Festen in vollem Fahnenschmuck prangten, statt mit der bunten Marburg- oder den Verbindungsfahnen mit der Hakenkreuzfahne bestücken. Auch auf der Ketzerbach gab es Parteianhänger der Nazis, sogar ein SS-Sturm hatte in Haus-Nr. 54 seinen Sitz. Leider gab es auch Frauen und Männer, die - vor allem in der Kriegszeit - Zuträger von abgelauschten kritischen Gesprächen waren und diese Personen an die Partei meldeten. Doch diese wenigen Spitzel waren bald bekannt und man hütete sich vor ihnen.

    Hermann Bauer (1897-1986), ein weiterer wichtiger Historiker von Marburg und als Nazi-Gegner bekannt, berichtet in der Festschrift "100 Jahre Bachfest 1959" von den Vorbereitungen zum Bachfest 1939, als man im Festzug neben den hessischen Trachten auch wie vorher immer die Hessen-Preußen in ihrem Couleur mitlaufen lassen wollte.

    Doch das Zeigen der schwarz-weiß-blauen Farben der Hessen-Preußen hatten die Nazis verboten wie die Aktivitäten aller Verbindungen. So wurde der Vorschlag von Bauer umgesetzt, dass zwölf Ketzerbächer Jungen in Kneipjacke, Mütze und Band der Hessen-Preußen im Festzug mitmachen sollten. Die Verkleidung - so berichtet Hermann Bauer stolz - gelang und "der Festzug hatte sein schmuckes Bild". Ketzerbach-Lied

      Melodie: Gaudeamus igitur
      Heute sei der Ketzerbach
      hohes Lied gesungen,
      Wie´s schon so viel tausendfach
      ihr entlang geklungen.
      Was wär Marburgs Ruhm und Ehr,
      Wenn die Ketzerbach nicht wär?
      Drum so singet rings im Kreise
      Auf die altberühmte Weise:
      Der Ketzerbach ein Hujaja …

      Wer in Marburg Musensohn,
      fülle seinen Becher,
      Und es klingt in vollem Ton
      froher Sang der Zecher,
      Ganz besonders, wessen Dach
      Auf der alten Ketzerbach,
      Braucht sich nicht erst lang zu zwingen,
      Fängt von selbst schon an zu singen:
      Der Ketzerbach ein Hujaja …

      Lebet hoch, Ihr Bürgersleut´,
      die Ihr uns betreuet!
      Lebe hoch, Du minn´ge Maid,
      die Du mich erfreuest!
      Ziehen wir auch aus dem Land,
      Hält uns doch ein festes Band,
      Wenn da drauß´die Gläser klingen
      Und wir in Erinn´rung singen:
      Der Ketzerbach ein Hujaja …


    Nach dem 2. Weltkrieg änderte sich langsam das Bild der Ketzerbach

    Für uns Kinder, die noch den 2. Weltkrieg miterlebt, im Europäischen Hof im Luftschutzkeller gesessen und den Einzug der Amerikaner mit Neugier verfolgt hatten, waren auf der Ketzerbach in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende kaum Änderungen auf der Bach zu spüren. Nur an zwei Stellen auf der rechten Seite der Straße hatten Brandbomben insgesamt vier Häuser, aber nicht das Gesamtbild der Straße zerstört.

    Der Scherenschleifer stand von Zeit zu Zeit auf der Promenade und bot seine Dienste an. Auf den links und rechts der Allee befindlichen Pflasterstraßen fuhr fast täglich einmal ein lautstarker Lastwagen mit bis zu vier Anhängewagen mit Torf zu den Behringwerken. Sonst gab es kaum Autoverkehr.

    Auf der Allee stellte sich wie eh und je der Gesangverein auf, um einem Mitglied zum runden Geburtstag ein Ständchen zu bringen. Die Promenade, mehr schlecht als recht geteert, war idealer Kinderspielplatz. Die Akazien, obwohl meist hundert Jahre alt, blühten wie immer. Am Mittwoch und Freitag war Wochenmarkt. Der Kirschenmarkt und vor allem der Weihnachtsmarkt, für den ein großes Zelt und ein Karussell aufgebaut wurde, waren willkom-mene Abwechslung.

    Wenn Schnee gefallen war, zogen Mütter ihre kleinen Kinder auf dem Schlitten über die Allee. Und wenn der frisch gefallene Schnee auf dem Promenade eine saubere weiße Fläche bildete, holten die Frauen aus ihren Wohnungen die Teppiche. Sie wurden ausgelegt und geklopft. Aus den vielen Fenstern ringsum schauten viele dieser Arbeit zu. Und 1949 ließen es sich die Ketzerbächer nicht nehmen, wieder ein Bachfest zu feiern. Auf der Promenade standen Buden, Tanzplatz und ein Karussell. Ein Festzug wurde organisiert wie zu alten Zeiten. Und Hermann Bauer war wieder dabei und stellte die Festzeitung zusammen.

    Dazu lieferte der bekannte Mundartdichter Heinrich Bastian (1875-1967) aus Fronhausen folgendes Gedicht:

    Das Bachfest in Sicht

      "Wu gieh mier da beas Sonndoag hie?"
      Do brachste noch ze frege,
      ufs Ketzerbachfest! Do wirds schie,
      Doas kimmt ois grad gelege.
      Ds Haa eas gemoacht, die Kartoffel gebozzt,
      Die Deckwurz stieh ean Reihe,
      Mr hu däi Zeit so viel geschweazt
      Do winn mr sich ach emol freue.


    Das Ende der Allee

    In der Zeit ab etwa 1975 wurden von den Zuständigen Gelder bewilligt, um die Oberstadt und dann auch Weidenhausen zu sanieren. Das Innere der Häuser sollte modernen Maßstäben gerecht werden und vor allem von außen wurden die Fachwerkhäuser erneuert. Eine schöne Innenstadt entstand. Leider gelang es nicht, die Ketzerbach in das Sanierungsgebiet mit einzubeziehen. Mehrmals sind die Präsidenten der Ketzerbachgesellschaft beim Oberbürgermeister Dr. Drechsler vorstellig geworden. Aber die Ketzerbach blieb außen vor. Stattdessen vergrößerte sich die Zahl der Autos auch in Marburg. Und wo sollten die Fahrzeuge, die Ausdruck des neuen Wohlstandes waren, geparkt werden?

    Die Fläche
    der Promenade auf der Ketzerbach wurde immer mehr zur Abstellfläche, weil Garagen Mangelware waren. Der Abstieg der Ketzerbach von der von vielen in den Jahrzehnten vorher gepriesenen Allee zu einem profanen Parkplatz war eingeleitet. Auch die Zeit der großen Bachfeste war vorbei. 1984 wurde bei der 125-Jahrfeier ein großer Festzug zusammengestellt, wieder mit Stadtkapelle und den heimischen Trachten wie vorher. Nach zehn Jahren gelang dies noch einmal dem neuen Präsidenten der Ketzerbachgesellschaft, Erich Möller. Dies war das letzte Mal.

    Die Ketzerbach veränderte ihr Bild radikal. Vor lauter Autos war die Promenade nicht mehr sichtbar. Die alten Zeiten waren unwiederbringlich dahin. Vorschläge der rührigen Ketzerbachgesellschaft sowie Anträge von einzelnen, auch im Stadtparlament, die Allee wieder herzustellen und ein Parkverbot zu erlassen, verfehlten ihre Wirkung. Die Autobesitzer hielten dagegen. Oberbürgermeister Dr. Drechsler war nicht in der Lage, sich gegen die Nutzer der Parkflächen durchzusetzen. Und dies, obwohl die Promenade immer der Gemeinschaft zugänglich gewesen war und nicht dem Parkrecht Einzelner dienen sollte.

    Nach dem Jahr 2000 kam der Magistrat auf die Ketzerbächer zu mit der Maßgabe, Mittel zur Neugestaltung der Ketzerbach zur Verfügung zu haben. Drei Vorschläge einer Sanierung, dabei auch eine Variante mit Erhalt der Mittelallee, wurden vorgelegt. Oberbürgermeister Möller und Bürgermeister Vaupel, zuständig für das Bauamt, setzten sich dabei von Beginn an massiv für die von ihnen bevorzugte Variante "Wasserband mit Aufgabe der Promenade" ein. Nach harten Diskussionen konnte sich der Magistrat durchsetzen. Die Bäume wurden abgeholzt. Die Allee verschwand und mit ihr die Prome-nade, die einst zu dem Urteil geführt hatte: Marburgs schönste Straße.

    Die erneuerte Ketzerbach wird heute als Boulevard bezeichnet. Zwischen zwei breiten Bürgersteigen, auf denen Geschäfte und Gastwirtschaften sich ausbreiten können, eine unnahbare, in kaltem Stein gefasste Wasserfläche, die an mehreren Stellen durch silberne Kugeln verschönt wird. Geschmacksache für den Betrachter - die alten Zeiten kehren nicht wieder.

    Literatur

    Die historischen Angaben sind entnommen aus den Büchern von Wilhelm Bücking aus seinen Veröffentlichungen Ende 19. Jahrhundert und den vielen Beiträgen zur Geschichte der Ketzerbach von Hermann Bauer. Beckers Aufsätze sind zu finden in den Bachfest-Festschriften der Ketzerbach-Gesellschaft.

    Bisherige Veröffentlichungen

      Aus der "Kleinen Reihe von Marburg" sind bisher erschienen:
      Band 1: Das Michelchen, St. Michaels-Kapelle, 4. Aufl., Marburg 2012
      Band 2: Der historische Hirsefeldsteg in Marburg, Marburg 2010
      Band 3: Holzbrücken über die Lahn in Marburg, Marburg 2010
      Die 2011 herausgegebenen Veröffentlichungen Band 4 (Pferdebahn) und Band 5 ("Elektrische") wurden zusammengefasst zum Sonderband: Die Marburger Straßenbahn, Marburg 2013
      Band 6: Der Marburger Kaiser-Wilhelm-Turm, Marburg 2012
      Band 7: Der Marburger Bellachini, Lucas Strack-Bellachini, Marburg 2014


    Sämtliche Bände sind im Marburger Buchhandel erhältlich.

    Zum Autor

    Der Autor wurde 1940 in Marburg, Ketzerbach 8, geboren. Nach dem Studi-um 1960-63 unterrichtete er als Lehrer in Stadtallendorf und Marburg. Von 1975 bis zur Pensionierung war er als Direktor an einer Gesamtschule tätig. Er befasst sich intensiv mit der Marburger Lokalpolitik und Lokalgeschichte. Von 1989 bis 1993 war er Stadtverordneter im Stadtparlament von Marburg und von 1997 bis 2001 Abgeordneter im Kreistag des Kreises Marburg-Biedenkopf, jeweils für eine bürgerliche Liste.






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Hier einige Fotos

Foto von 1900

Foto etwa aus dem Jahr 1900



Am Beginn der Ketzerbach steht das Gasthaus "Lokomotive"
(Foto ca. 1925)


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